Die Zellen des Immunsystems sind normalerweise in der Lage, jede Form von fremden biologischen Stoffen anzugreifen. Damit körpereigene Strukturen nicht zu Schaden kommen, werden jene Abwehrzellen ausgeschaltet, die eigene Stoffe erkennen. Diese Fähigkeit wird als Immuntoleranz bezeichnet. Ist diese gestört oder fällt sie sogar ganz aus, entstehen Autoimmunkrankheiten, die auf überschiessende Reaktionen des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe zurückzuführen sind.

Auch Blutzellen betroffen
«Wenn das Immunsystem durcheinander gerät, werden Antikörper und Abwehrzellen gegen eigene Zellbestandteile produziert. Der Körper greift sich so selbst an», erläutert der Immunologe Thomas Hauser. Das Immunsystem ist dabei überaktiv und wehrt nicht nur körperfremde Krankheitserreger wie Viren und Bakterien ab, sondern bekämpft auch körpereigene Strukturen. Zu den Autoimmunkrankheiten zählt unter anderen Lupus erythematodes. Sie betrifft entweder nur die Haut oder auch innere Organe. Es kann zu einem auffälligen Ausschlag kommen. Verbreitet sich die Entzündung im Körperinnern, können unter anderem die Gelenke oder das Herz betroffen sein, aber auch die Nieren oder die Blutzellen, selten das Nervensystem. «Da die Symptome unterschiedlich stark und ohne voraussehbare Reihenfolge auftreten, erfordert die Diagnose viel spezialisierte Erfahrung und auch Geduld», sagt Hauser. Bei Lupus hilft häufig ein Arzneimittel, welches auch bei Malaria eingesetzt wird. «Bei vielen Patienten spricht die Lupus-Krankheit unzureichend auf Antimalariamittel an. Sie benötigen zusätzlich stärkere Immunsuppressiva, das heisst Medikamente, welche die fehlgesteuerte, überbordende Immunantwort bremsen», so Hauser.
 

 «Autoimmunerkrankungen können jedes Organ des menschlichen Körpers betreffen – von der Haarwurzel bis zur Niere»

Entzündliche Gefässerkrankung
Eine andere Gruppe von Autoimmunerkrankungen sind die verschiedenen Formen von Vaskulitis, das heisst entzündliche Gefässerkrankungen, wie zum Beispiel die Riesenzellarteriitis, die Wegener-Krankheit und andere. «Da grosse und kleine Blutgefässe den ganzen Körper versorgen, wirkt sich Vaskulitis häufig auf mehrere Organe aus», erklärt Thomas Hauser. So können die Nieren, die Haut, die Nerven, die Augen und vieles mehr befallen sein. Vaskulitis ist zwar nicht heilbar, kann jedoch bei früher Diagnose gut behandelt werden. Meist kommen Cortison-Präparate zusammen mit anderen Immunsuppressiva zum Einsatz. Sie wirken entzündungshemmend und immunsuppressiv, das heisst sie bremsen das auf Hochtouren arbeitende Immunsystem. Häufig kommt es auch nach vielen Jahren noch zu Rückfällen, weshalb zurzeit mehrere neue Medikamente in wissenschaftlichen Studien geprüft werden.

Bei schweren Verläufen werden Medikamente eingesetzt, die sonst zur Tumorbehandlung verwendet werden. Einige hemmen die Zellteilung generell, so dass alle sich schnell teilenden Blutzellen gebremst werden. Neuere Medikamente sind zielgerichteter und unterdrücken nur bestimmte Gruppen von Abwehrzellen. «Die Behandlung erfolgt stets unter strenger fachärztlicher Überwachung», betont Hauser.