«Ich bin doch nicht süchtig, ich spiele einfach leidenschaftlich gern.» Oder: «Ich soll internetsüchtig sein? So ein Quatsch! Ich surfe einfach gern im Web herum.»

Wenn man Erwachsene oder Jugendliche mit ihrem Abhängigkeitsverhalten konfrontiert, wird den Tatsachen oft ausgewichen. «Dosis sola venenum facit – allein die Dosis macht das Gift», gibt Gerhard Wiesbeck, Spezialist für Abhängigkeitserkrankungen, in diesem Zusammenhang zu bedenken.

Der bekannte und oft zitierte Satz von Paracelsus gelte nicht nur für Alkohol und Nikotin, sondern auch für Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick wenig mit der Einnahme einer Substanz, aber viel mit Konsum zu tun hätten. Zu viel Fernsehen, zu viel Computer spielen, zu viel Arbeiten, Einkaufen oder zu viel Sex könnten auf längere Sicht genauso zerstörerisch wirken wie der Konsum von Drogen.


Unkontrollierte Aktivitäten

Fachleute wie Wiesbeck betonen, dass bestimmte Verhaltensweisen, etwa im Bereich Glücksspiel oder Internet, sowie das alltägliche Konsumverhalten Suchtcharakter annehmen können.

«Spielsüchtige Menschen, die sich in psychiatrischen Kliniken behandeln lassen, berichten, dass ihre Gedanken und ihr Verhalten extrem vereinnahmt sind und es ihnen je länger desto weniger gelingt, ihre Aktivitäten zu kontrollieren.»

Während der extreme Konsum immer mehr Raum, Zeit und Geld beansprucht, treten andere Lebensbereiche und das soziale Verhalten Mitmenschen gegenüber zunehmend in den Hintergrund, meist verbunden mit beruflichen und familiären Problemen.

Ein aktuelles Beispiel für potenziell süchtiges Verhalten ohne Einnahme einer Substanz sei die Medien- oder Computerspielabhängigkeit, sagt Wiesbeck. Immer mehr Menschen, darunter auch Jugendliche, ziehen ein Leben im Internet der realen Alltagswirklichkeit vor. Für manche wird das zum Problem, unter dem auch das soziale Umfeld leidet.

Problematisches Verhalten

Dabei setzen sich «PC-Junkies» unbewusst grossem Druck aus. Nur merken sie es häufig eben nicht – oder dann zu spät. «Wer tage- und nächtelang vor dem Computer sitzt, kaum isst und wenig schläft, um ja nichts zu verpassen, läuft schon mal Gefahr, aus lauter Erschöpfung zu kollabieren», warnt Wiesbeck.

Betroffenen rät er, dringend ärztliche Hilfe aufzusuchen: Personen etwa, die ein Problem mit dem Glücksspiel und dessen Folgen haben oder die ein problematisches Verhalten im Umgang mit den neuen Medien wie Handy und PC zeigen, aber auch Menschen, mit Risiko- und Erkrankungsmerkmalen zu anderen Verhaltenssüchten wie Kauf- oder Sexsucht.

Zentral sei, dass das gesamte Umfeld in die Beratung oder Therapie miteinbezogen werde, also Familienangehörige, Mitbetroffene wie Freunde und Arbeitskollegen. Das sei auch deshalb wichtig, weil nahestehende Personen oft die Tendenz hätten, eine Co-Abhängigkeit zu entwickeln, wie man das auch bei Familien kennt, bei denen problematischer Alkoholkonsum an der Tagesordnung ist.

«Man will den Betroffenen schützen und ihm nicht noch zusätzlich Vorwürfe machen», so Wiesbeck. Dabei sei gerade dies der falsche Weg. Die Problematik müsse aufs Tapet gebracht werden, um die richtigen Schritte zu einer Therapie einzuleiten, stationär oder ambulant, je nach Schweregrad.

Bei den neuen Verhaltenssüchten zeigen sich deutliche Parallelen zur Alkohol- und Nikotinsucht. Hier wie dort kann ein exzessiver Konsum fatale Folgen haben. Spielsüchtige leiden wie Alkoholiker zunehmend unter einer verminderten Kontrollfähigkeit, die mit einer fortschreitenden Vernachlässigung anderer Tätigkeiten und Interessen einhergeht.

Trotz bereits vorhandener schädlicher Folgen können sie mit dem Spielen nicht mehr aufhören. Sie brauchen immer wieder den entscheidenden «Kick». Hat ihr Gehirn diesen einmal erlebt, vergisst es ihn nie wieder. Es verlangt nach Wiederholung – selbst wenn die Vernunft davon abrät.