Dissoziation ist eine Spaltung der Persönlichkeit oder des Bewusstseins. «Betroffene erleben sich selbst in einem anderen Bewusstsein und handeln unabhängig davon. In diesem Zustand sind die Wahrnehmung, zum Beispiel was man hört, sieht oder spürt, und die Emotionen sowie das Denken verändert», erläutert die Fachärztin Suzanne von Blumenthal. Dies kann zum Beispiel einzelne Körperfunktionen betreffen wie etwa eine Arm- oder Beinlähmung, Sprachausfälle, Blindheit, Taubheit, fehlendes Schmerzempfinden oder übermässiger Schmerz.

Es handelt sich dabei um einen teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen. «Diese Störung tritt meist als Reaktion auf eine extreme Belastungssituation oder ein traumatisches Erlebnis auf», sagt von Blumenthal.

Anderer Bewusstseinszustand

Dissoziation stellt sich somit als Reaktion nach einer traumatisierenden Situation ein, die für die betroffene Person als lebensbedrohlich erlebt wird und eine sogenannte Stressreaktion im Körper auslöst. Verbunden kann dies mit Immobilität und einer Schreckreaktion sein, mit Flucht- oder Kampfreaktion, einer Reduktion des Denkens und der Schmerzwahrnehmung sowie allenfalls einer Ohnmacht beziehungsweise einer kompletten Dissoziation.

Es ist ein harter steiniger Weg. Die Therapie kann oft Jahre dauern.

Betroffene wechseln dabei in einen anderen Bewusstseinszustand. Die Dissoziation tritt vor allem in einem Zustand mit hoher affektiver Erregung auf, wie sie zum Beispiel bei einer extremen Angstsituation vorkommt oder wenn Betroffene Zeugen einer Gewalttat oder einer lebensbedrohlichen Katastrophe werden. Gemäss Statistiken treten dissoziative Störungen bei 0,5 bis 1 Prozent der Allgemeinbevölkerung beziehungsweise bei bis zu 5 Prozent von stationär behandelten Patienten auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Erstarren oder flüchten

Was die Ursachen von dissoziativen Störungen betrifft, erleben Betroffene eine lebensbedrohliche Situation, die eine überflutende Angstreaktion mit einer Stressreaktion im Körper auslöst. Dadurch wird das Denken abgeschaltet. Die schmerzhafte Erfahrung wird gleichsam abgespalten und ist dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich. «Falls zu einem späteren Zeitpunkt der Abwehrmechanismus nicht mehr funktioniert, reagieren Betroffene auf unscheinbare Situationen mit einer solchen Angstreaktion.

Sie erstarren gleichsam oder wollen flüchten beziehungsweise kämpfen. Bei vergleichbaren Situationen kommen später diese Bilder der Vergangenheit wieder ins Bewusstsein als sogenannte Flashbacks», erläutert von Blumenthal. Als Symptome manifestieren sich unter anderem, dass Betroffene das Gefühl haben, gleichsam «neben sich zu stehen», Geräusche wirken weit weg, der Körper fühlt sich unwirklich an.

Lange Therapie

Diagnostiziert wird eine dissoziative Störung häufig erst über eine Folgestörung, etwa bei einer posttraumatischen Belastungsstörung, bei Suchterkrankungen oder Depressionen. Im Zentrum der Therapiemassnahmen steht die Psychotherapie. Sie besteht aus drei Phasen: der Stabilisierung, der Konfrontation mit dem Trauma sowie der Reintegration und Neuorientierung. Bei der Stabilisierung geht es unter anderem um Dissoziationsstopp-Techniken, das Erarbeiten von Frühwarnzeichen sowie um die Reduktion der emotionalen Verwundbarkeit. Die Konfrontation mit dem erlebten Trauma erfolgt in kurzen Sequenzen mit speziellen therapeutischen Techniken.

«Eine sehr wirksame Methode ist die Anwendung der sogenannten Logosynthese, eines neuen Therapieverfahrens, das durch Aussprechen von bestimmten Sätzen die traumatischen Erlebnisse neutralisiert», erläutert von Blumenthal. In der dritten Phase wird während und nach Auflösung der traumatischen Erlebnisse die eigene Veränderung im Leben erst möglich, was eine private und berufliche Neuorientierung zur Folge haben kann. «Angehörige und Freunde können dazu beitragen, dass Betroffene die Motivation zur Veränderung aufrechterhalten und nicht aufgeben», betont von Blumenthal. «Es ist nämlich ein harter steiniger Weg. Die Therapie kann oft Jahre dauern.»