Das Abwehrsystem des Menschen, auch Immunsystem genannt, schützt ihn vor äusseren Einflüssen wie Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen. Diese Schutzfunktion ist für den menschlichen Organismus ausserordentlich wichtig. Bei Autoimmunerkrankungen führt eine falsche Programmierung zu einer Ausrichtung gegen körpereigene Strukturen: Anstelle der Bekämpfung von möglicherweise krankheitsverursachenden Keimen werden Teile des eigenen Körpers als «fremd» angesehen und bekämpft.

Viele verschiedene Arten
«Autoimmunerkrankungen können jedes Organ des menschlichen Körpers betreffen – von der Haarwurzel bis zur Niere», erklärt Thomas Hauser, Facharzt für Immunologie, Allergologie und Innere Medizin. Deshalb gibt es auch eine Vielzahl verschiedener Autoimmunerkrankungen. So werden etwa bei der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ 1) die Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, sodass sie das Hormon Insulin nicht mehr produzieren können. Bei der Multiplen Sklerose beschädigt die fehlgeleitete Immunantwort die Hüllen der Nerven und führt so zu Lähmungen.

Bei systemischen Erkrankungen wie Lupus reagiert das Immunsystem zu stark auf die mangelhaft entsorgten, toten Körperzellen oder wie bei Vaskulitis auf die Blutgefässe. Auch seltene Formen des Haarverlustes entstehen durch eine fehlgeleitete Abwehr, welche die Haarwurzeln als Fremdmaterial verkennt. Häufigere und verbreitete Formen der Autoimmuner­krankungen sind die rheumatoide Polyarthritis, die Bechterew-Krankheit oder die Schuppenflechte.

Frauen sind häufiger betroffen
Eine Autoimmunerkrankung kann jeden treffen. «Generell sind Frauen mittleren Alters häufiger betroffen.» Kinder und Jugendliche wiederum leiden nur selten unter Autoimmunerkrankungen. «Die genaue Ursache der Entstehung von Autoimmunerkrankungen ist nach wie vor unklar. Sicherlich spielt die Veranlagung eine gewisse Rolle. In manchen Fällen wird auch eine immunologische Kreuzreaktion vermutet, die durch Bakterien oder Viren ausgelöst würde und zum Ausbruch der Erkrankung führen könnte. Eine genaue und möglichst frühe Diagnose ist für die Patienten wichtig, um schwere Schäden innerer Organe und bleibende Behinderungen zu verhindern.

Erste Symptome kommen schleichend
Bei der Diagnose spielt denn das ausführliche Gespräch mit dem Patienten eine grosse Rolle. «Für uns ist wichtig zu wissen, seit wann die Symptome bestehen, wie sie zeitlich auftreten und ob es bereits Vorerkrankungen gab. Daneben gibt eine detaillierte Blutanalyse mit Suche nach Autoantikörpern Hinweise auf eine mögliche Erkrankung. Auch eine Gewebsprobe kann Aufschluss geben», erklären Günther Hofbauer, Facharzt für Dermatologie, Immunologie und Allergologie sowie Michael Andor, Facharzt für Rheumatologie, am IZZ Immunologie-Zentrum Zürich. Oftmals entwickeln sich die ersten Symptome der Autoimmunerkrankung schleichend – mit allgemeinen, untypischen Beschwerden wie Gewichtsverlust, Fieber, Gelenks- und Muskelschmerzen. Thomas Hauser fügt an:»Deshalb erfordert es nicht selten etwas Geduld, bis eine genaue Diagnose steht.»

Ein wichtiges Grund­prinzip in der Behandlung von Autoimmunerkrankungen ist das Eindämmen der körpereigenen Abwehr. Dies ist wichtig, um den Angriff des Abwehrsystems auf das körpereigene Gewebe zu bremsen. «Die teilweise Unterdrückung des Immunsystems wird mit sogenannten Immunsupressiva erreicht. Damit kann die weitere Zerstörung von körpereigenem Gewebe verhindert werden.» Da die meisten Autoimmunerkrankungen chronisch sind und in Schüben verlaufen, muss die Behandlung je nach Stärke der Krankheit über einen langen Zeitraum fortgeführt werden.

Wissen trägt zum Behandlungserfolg bei
Bei chronischen Autoimmunkrankheiten trägt das Wissen des Patienten oder der Patientin über die eigene Krankheit und deren Therapie wesentlich zum Behandlungserfolg bei. Spezialisierte Fachpersonen und Patientenvereinigungen bieten Informationen für Betroffene und ihre Angehörigen.