Es gibt Menschen, denen scheint einfach alles zu gelingen. Sie gehen mit Euphorie und mit Leichtigkeit durchs Leben, sind meistens sehr beliebt, haben kreative, visionäre Ideen und wo andere zurückschrecken würden, sind sie bereit sämtliche Risiken auf sich zu nehmen. Sie lassen sich nicht unterkriegen und wagen nach einem Rückschlag sofort das nächste Abenteuer. Doch bei einigen sieht die Welt nicht immer so rosig aus und nach einer Hochphase schlägt ihre Stimmung um in Freudlosigkeit und ein Gefühl der inneren Leere. Der Volksmund spricht hier schnell von «himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt». Vielen ist jedoch nicht klar, dass hinter den extrem starken Stimmungsschwankungen eine ernst zu nehmende Krankheit stecken kann: Eine bipolare Störung, auch manisch-depressive Störung genannt.

Krankheitsbild
Charakteristisch für die Erkrankung sind die episodisch auftretenden Stimmungsschwankungen von einer abnormen Fröhlichkeit und Euphorie bis hin zum fast schon selbstzerstörerischen Leichtsinn, gefolgt von einer tiefen Traurigkeit bis hin zur Verzweiflung und Suizidgedanken. Das Leben zwischen diesen beiden Polen ist ein Drahtseilakt und oft wird die Störung erst diagnostiziert, wenn der Leidensdruck in den depressiven Phasen zu gross wird, oder wenn in der manischen Phase etwas im Leichtsinn angestellt wurde, so dass vielleicht schon die Behörden eingreifen müssen. Doch die Diagnose liegt nicht immer so klar auf der Hand wie in einem solchen Fall. Bei manchen Betroffenen ist die Manie nur wenig ausgeprägt, was als Hypomanie und als Typ 2 klassifiziert wird.

Diagnose
«In der Psychiatrie sprechen wir von einer Krankheit, wenn eine Störung vorliegt, die den Menschen in seinem Leben beeinträchtigt, ihm sogar schadet oder für andere Menschen gefährlich wird», erklärt Prof. Dr.  med. Waldemar Greil, Psychiater und Experte auf dem Gebiet der Behandlung von bipolaren Störungen. Oft suchten Betroffene, vor allem jene mit der weniger ausgeprägten Manie, zunächst wegen der depressiven Verstimmung Hilfe und erst im Rahmen der Anamnese  werde klar, dass auch die Hochphasen Teil der Erkrankung sind. Auch Angststörungen oder Zwänge können eine Begleiterscheinung der bipolaren Störung sein. Die Entstehung wird auf  Stoffwechselstörungen, genetische Veranlagung aber auch auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt. Jeden kann es treffen, doch meistens tritt die Störung zum ersten Mal zwischen dem 20.und 30. Lebensjahr zum ersten Mal auf. An ausgeprägten manischen und depressiven Phasen leiden rund 350 000 Menschen in der Schweiz. Oft werden auch Familienangehörige oder Arbeitskollegen irgendwann aufmerksam, dass es immer wieder Brüche gibt in der Alltagsbewältigung der Betroffenen. «Je mehr die Krankheit in der Öffentlichkeit bekannt wird, desto mehr Menschen könnte vielleicht geholfen werden und desto besser könnte ihr Umfeld sie verstehen», sagt Greil.

Behandlung
«Menschen mit einer manisch-depressiven Erkrankung können mit der richtigen Behandlung ein ganz normales Leben führen», so Greil. «So ähnlich wie ein Diabetiker, der auf die Insulingaben gut eingestellt ist.» Die Behandlung beginnt zunächst mit der Akuttherapie, dann wird zur Erhaltung mit Medikamenten die Stimmung stabilisiert. Der nächste Schritt ist der Schutz vor erneuten Ausschlägen, die Vermeidung weiterer Schäden. «Um ein optimales Behandlungsresultat zu erzielen, sind neben der Medikation zusätzlich psychosoziale Behandlungsansätze wichtig», so Greil. Eine solche Psychoedukation soll dem Betroffenen bewusst machen, welche Auslöser zu einer erneuten Phase führen können. Dies kann ein gestörter Tag-/Wach-Rhythmus sein, genauso wie Konflikte mit Mitmenschen oder Stress im Beruf. Die bipolare Störung ist laut Greil gut in den Griff zu bekommen. «Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der bereits den vollen Zyklus mit ausgeprägten manischen und depressiven Phasen durchlaufen hat, ein Leben lang gesund bleibt, ist sehr gering.» Man weiss nie, wann die nächste Phase auftritt. Vielleich t erst in ein paar Jahren, vielleicht aber schon bald. Ob eine dauerhafte Medikation sinnvoll ist, ist daher eine schwierige Entscheidung.