Nicole Reist, Sie gewannen 2016 und 2018 das Race Across America über 5000 Kilometer Non-Stop. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Bis Körper und Kopf im Zusammenspiel für solche Leistungen bereit sind, dauert es Jahre. 2016 war ich fast anderthalb Tage länger unterwegs als in diesem Jahr.

Grossen Einfluss auf die Verbesserung hatten dabei die minutiös geplanten Abläufe der Pausen, welche so auf ein Minimum reduziert wurden. Ich habe insgesamt elf Pausen eingelegt, dabei kamen knapp neun Stunden Schlaf zusammen.
 

Nur wenn Körper und Kopf zu einer Einheit werden, sind Leistungen über eine solche Zeitspanne umsetzbar.
 

Wer sich viel abverlangt, benötigt ausreichend Schlaf. Sie haben diese Grundregel während des Rennens ausser Kraft gesetzt. Zwar hatten Sie ebenfalls neun Stunden Schlaf – dies allerdings verteilt auf zehn Tage. Wie haben Sie das geschafft?

Ich arbeite neben dem Sport zu 100 Prozent als Hochbautechnikerin und führe dadurch kein Profisportlerleben. Das bedeutet, dass ich auch im Alltag nie auf neun Stunden Schlaf komme.

Mein Körper hat dadurch aber gelernt, sich sehr schnell und effizient von den Belastungen zu erholen. Wichtig ist während des Rennens wie auch im Alltag, dass der Körper das bekommt, was er braucht, um sich optimal erholen zu können.

Dass ich während des Rennens mit so wenig Schlaf auskomme, liegt in erster Linie an meiner Einstellung dazu. Da es zeitlich aber absehbar ist, ist das für mich möglich. Mein Körper weiss, dass er seinen Schlaf danach wieder bekommt.

Wie haben Sie sich die Zeit zwischen Rennen und Erholung eingeteilt?

Wir haben klar festgelegte Abläufe. Jeder im Team weiss genau, was er wann zu tun hat. Effizienz steht bei meinen Pausen im Zentrum. So wird zum Beispiel überwacht, dass ich maximal 3 Minuten dusche.

Vom Aufwecken bis zum Zeitpunkt, wo ich wieder auf dem Rad sitze, vergehen maximal 10 Minuten. Geschlafen habe ich während 35 Minuten jeweils im Wohnmobil.

Wie haben Sie sich während des Rennens ernährt – anders gefragt: Haben Sie fürs Essen und Trinken jeweils eine Pause eingelegt?

Ich ernähre mich soweit möglich von fester Nahrung. Neben Riegeln kommen Sponser-Gels zum Einsatz. Ansonsten alltägliche Lebensmittel wie Reisflockenbrei und Reis, welche ich aus Plastikbeuteln esse – während des Fahrens.

Die Intervalle für die Verpflegung sind klar festgelegt und werden von der Crew genau überwacht.

Welche Rolle spielt die Unterstützung durch Ihr Team?

Ohne funktionierendes Team geht gar nichts. Es navigiert, verpflegt und unterhält mich. Zudem ist es auch meine «Versicherung», denn während des Rennens gebe ich die Verantwortung an mein Team ab. Ich trete nur noch in die Pedale – den Rest muss das Team übernehmen, also auch Entscheidungen treffen.

Wie sind Sie während des Rennens mit Hochs und Tiefs umgegangen?

Als Athletin bin ich mir bereits vor dem Rennen bewusst, dass Schwächephasen kommen werden. Mein Fokus liegt immer auf dem Positiven und auf den Dingen, die ich beeinflussen kann. Das Wetter kann ich zum Beispiel nicht beeinflussen, also darf ich auch keine Energie dazu verschwenden, mich über das Wetter zu ärgern.

Die Monotonie wird mir durch das Betreuerteam genommen, in Amerika waren es elf Personen. Wir führen Gespräche, machen Witze und hören Musik.

Wie hat sich der Schlafmangel bei Ihnen während des Rennens und danach bemerkbar gemacht, und wie haben Sie dagegen angekämpft?

Die Müdigkeit ist irgendwann ein ständiger Begleiter. Wichtig ist, dass Körper und Kopf bereit sind, mit dieser umzugehen, und sie als absehbaren Zustand annehmen.

Aussetzer sind dabei die grösste Gefahr – da bin ich dann ohne Vorwarnung auf der Gegenfahrbahn unterwegs und muss durch das Team in das «Jetzt» zurückgeholt werden. 100 Prozent Vertrauen in das Team sind dabei entscheidend.

Bei der Zielüberquerung haben Müdigkeit und Hunger vorerst jedes Gefühl des Triumphs verdrängt. Wann haben Sie überhaupt realisiert, welche Leistung Sie vollbracht haben?

Das war sehr schwer, da ich meinen Fokus nach Amerika gleich auf die zweite Mission, das Race Across France, richten musste, welches nur sieben Wochen später startete.

Wirklich realisiert habe ich die Leistung deshalb erst nach der Saison, auch durch das grosse mediale Interesse.

© Stefan Zürrer