Abassia Rahmani packt gerade ihre Trainingssachen ein. Trotz Regenwetter will sie heute noch raus. «Der erste Schritt aus der Tür ist immer der schwerste», sagt sie.

Den «inneren Schweinehund» überwindet sie, indem sie sich auf das gute Gefühl nach dem Training freut. Die junge Frau, der vor acht Jahren beide Unterschenkel amputiert werden mussten, reiht jetzt im Behindertensport Erfolg an Erfolg.

Der Sport hat ihr Leben verändert. «Mein Körperbewusstsein ist zurückgekehrt.» Der Sport war es auch, der ihr half, ihren Körper hundertprozentig zu akzeptieren. Was vor dem Verlust ihrer Unterschenkel nicht der Fall war.

«Mein Körperbewusstsein ist zurückgekehrt»

Im Training fordert sie sich viel ab. Am liebsten läuft sie in der Gruppe. Laufen hilft ihr, den Kopf freizubekommen. Abzuschalten. «Man taucht in eine ganz andere Welt ein.»

Sie freut sich schon, wenn sie nur über ihren Sport spricht. Dabei liegen harte sechs Wochen Training vor ihr. Sie arbeitet morgens in ihrem Beruf, geht dann gleich ins Krafttraining, abends folgt das Lauftraining. Neu trainiert sie den 400-Meter-Lauf, sie hat die Ziele hochgesteckt: London.

Im Juli will sie an der Weltmeisterschaft im 200- und 400-Meter-Lauf «möglichst nahe ans Podest kommen», und im 100-Meter-Lauf das Final erreichen. Nach ihrer Motivation gefragt, hat Abassia Rahmani eine einfache Antwort parat: «Noch schneller werden.»

Teil der Belohnung, sich für die Wettkämpfe zu qualifizieren, sind die Reisen ins Ausland. Und: Sie ist zufrieden mit ihrer Form: «Ich bin gesund und fit», sagt sie.

Zweimal hat die Sportlerin die Paralympics-A-Limite von 14,10 unterboten. Das begeisterte Publikum konnte beobachten, wie sie das Feld von hinten her noch zu überholen vermochte. Wie das möglich ist: Das Adrenalin im Finish spiele sicherlich eine Rolle, erklärt sie, «aber auch der Wille».

Der Spitzensport, der 2014 in den Fokus rückte, ist heute zwar die Top-Priorität in ihrem Leben. Doch Abassia Rahmani räumt denselben Stellenwert ihrer Familie und ihrem Freundeskreis ein. Dort hält sie sich privat auch am liebsten auf: «Ich gehe gern mit Kollegen gut essen oder auf eine Party.»

Sie findet es «megacool, wenn der Behindertensport in den Fokus rückt». Dass sie durch ihre Erfolge selbst in den Mittelpunkt des Interesses gerät, ist zwar noch gewöhnungsbedürftig. «Aber ich freue mich, wenn ich damit irgendjemanden inspirieren kann.»