Ariella Kaeslin hielt jahrelang an ihrem Traum von der Profi-Karriere im Kunstturnen fest. Sie gewann eine Medaille nach der andern und stand im Scheinwerferlicht der Medien und der Öffentlichkeit. Kaeslin war Europameisterin, WM-Zweite, Olympiafünfte und wurde dreimal zur «Schweizer Sportlerin des Jahres» gekürt.

Für das begeisterte Publikum galt sie als Garant für den Erfolg im Spitzensport und als «unzerstörbar». Dass sie sich ihren Traum hart erkauft hatte, wussten bis zur Erscheinung ihres Buches «Leiden im Licht», das 2015 veröffentlicht wurde, nur die wenigsten.

Überraschender Rücktritt

Denn das, was die Öffentlichkeit sah, entsprach nicht der Wahrheit. Ariella Kaeslin litt jahrelang unter den Demütigungen ihres Trainers. Sie litt unter der Isolierung im nationalen Leistungszentrum in Magglingen, litt unter den Erwartungen des Publikums – und sie litt unter den Nachwirkungen des Mobbings, dem sie in Magglingen über Jahre hinweg ausgesetzt war.

Es ist die Geschichte einer Kindersportlerin und einer Heranwachsenden, die für ihre Leidenschaft leiden konnte - und leiden musste.

Als sie im Sommer 2011 völlig unerwartet und überraschend vom Spitzensport zurücktrat, begleitet von einem medialen Grossgewitter und nur ein Jahr vor den Olympischen Spielen in London, verschwieg sie all dies.

Dann zwei, drei Jahre später wagte sie den Tabubruch. Ariella Kaeslin erzählte, was es bedeutet, Spitzenturnerin zu sein und in einem Körper zu leben, der zur Frau werden will, aber wegen des Spitzensports Mädchen bleiben muss. Sie berichtete darüber, wie es abseits des Scheinwerferlichts aussieht.

Leiden und nochmals leiden

Ariella Kaeslin sagt rückblickend, der Entscheid zum Rücktritt sei ihr alles andere als leichtgefallen. Es habe dazu Mut gebraucht. Aber sie habe damals auf ihren Körper und auf ihr Herz gehört. Zu diesem Zeitpunkt war sie 24 Jahre alt – und der Traum vom grossen Olympiaerfolg sollte ein Traum bleiben.

In unzähligen Gesprächen hat Ariella Kaeslin den beiden Journalisten Christof Gertsch und Benjamin Steffen ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte einer Kindersportlerin und einer Heranwachsenden, die für ihre Leidenschaft leiden konnte – und leiden musste.

Vor allem im nationalen Sportzentrum Magglingen, wohin sie als Kind gezogen war, fern von der Familie und angetrieben von einem umstrittenen Nationaltrainer.

Es ist die Geschichte eines Ausnahmetalents, das getrieben war von Perfektionismus und vom Willen, es sich selbst und den Trainern zu beweisen, dass sie die Schmerzen und die monotonen Trainingseinheiten aushalten konnte. Wie sehr sie sich damit schadete, war Ariella Kaeslin nicht bewusst. Bis sie endgültig ausgebrannt war.

In diesem Buch spricht sie zum ersten Mal ausführlich darüber, wie ihr Leben als Kinder- und Spitzensportlerin tatsächlich aussah – und was sie danach zu durchleiden hatte.

Die Zeit, in der sie jeden Halt verlor, stand ihr erst noch bevor. Heute gehe es ihr wieder gut, sagt Ariella Kaeslin. Ihre Erschöpfungsdepression hat sie überwunden. Mit dem Buch will sie sensibilisieren und aufzeigen, was passieren kann, wenn sich ein Kind einer Sportart zuwendet, in der junge Frauen vor allem dann Erfolg hätten, wenn sie Mädchen bleiben.