Sie verschreiben Patienten regelmässig medizinisches Cannabis. Warum?

Cannabis ist eine Pflanze, die bereits im 19. Jahrhundert als Heilmittel in der Schulmedizin genutzt und erst im 20. Jahrhundert wieder verboten wurde.

Verschiedene Studienergebnisse der letzten 10 bis 20 Jahre haben dokumentiert, dass Cannabis je nach Patient und Beschwerden vielversprechende Resultate erzielen kann.

Bei welchen Beschwerden zum Beispiel?

Neben dem mittlerweile relativ akzeptierten Einsatz bei der neurologischen Krankheit Multiple Sklerose kann es auch bei Kopf- und Gliederschmerzen, Neuralgien oder unruhigen Beinen helfen. Auch Patienten mit Muskelspasmen kann das Mittel Erleichterung bieten.

Immer?

Nein, natürlich nicht immer. Cannabis ist kein Wundermittel, das bei jedem anschlägt. So wie das übrigens auch bei anderen Medikamenten nicht der Fall ist. Aber ich habe sehr viele Patienten betreut, die gute Erfahrungen damit gemacht haben.

Wo liegt der Unterschied zum illegalen Cannabiskonsum?

Die Cannabispflanze enthält über 100 Cannabinoide. Die beiden wichtigsten und am besten erforschten sind THC, das die Stimmung hebt, die Wahrnehmung verändert und Schmerzen lindert, sowie CBD, das bei Entzündung, Krämpfen und Schmerzen hilft und im Gegensatz zu THC kein Betäubungsmittel ist.

Das Besondere daran ist, dass unser Körper selbst ähnliche Stoffe produziert, sogenannte Endocannabinoide. Wenn nun aber ein 14-Jähriger sein Cannabis auf dem Schwarzmarkt kauft und raucht, ist das natürlich schlecht. Vor allem deshalb, weil das im Strassenhanf enthaltene benebelnde THC darin oft viel zu hoch dosiert ist und dem wachsenden Hirn schadet.

Wie wirkt also das medizinische Cannabis?

So wie man auch nicht eine ganze Packung Schmerztabletten auf einmal schluckt, kommt es auch beim medizinischen Einsatz von Cannabis auf die korrekte Dosierung sowie das Verhältnis der Wirkstoffe CBD und THC an. Die THC-Konzentrationen im Blut sind bei der oralen Aufnahme via Spray oder Tinkturen wesentlich kleiner, als wenn Cannabis geraucht wird.

Wie umständlich ist es, medizinisches Cannabis zu verschreiben?

Für MS-Patienten gibt es einen Spray, den man ohne grossen bürokratischen Aufwand mit einem Betäubungsmittelrezept verschreiben kann.

Bevor ich bei anderen Diagnosen als MS Cannabis in Form eines Medikaments, Öls oder einer Tinktur verschreiben darf, muss ich jedoch in einem entsprechenden Gesuch an das Bundesamt für Gesundheit belegen können, dass alle anderen therapeutischen Massnahmen ausgeschöpft wurden.

Wie akzeptiert ist Cannabis als Heilmittel in der Schweiz bereits?

Das Thema wird immer noch kontrovers diskutiert. Viele befürchten, dass die Erleichterung des medizinischen Gebrauchs als Hintertüre zur generellen Legalisierung von Hanf genutzt werden könnte. Ich glaube, dass es diesbezüglich bei der Ärzteschaft noch an Wissen fehlt. Entsprechend gibt es beim Einsatz von medizinischem Cannabis definitiv noch Potenzial.