Manchmal stehen die Vorzeichen für eine glückliche und stabile Kindheit nicht gut. Das war auch bei Stefan der Fall. Den Vater verlor er im Alter von 15 Jahren und die Mutter «hatte einen Hang zu Depressionen», erinnert sich der mittlerweile gut 50-Jährige. Zudem lebte er nie lange am gleichen Ort, die ständige Entwurzelung setzte ihm zu.

Am Schluss beim Kokain

Als er, aufgewachsen in Deutschland, schliesslich als Teenager in der Schweiz ankam, lernte er nach einer kaufmännischen Lehre das Nachtleben kennen – ebenso die Versuchungen von Drogen. «Ich habe damit eine vermeintliche Möglichkeit entdeckt, meine Persönlichkeit zu verändern und mich selber zu verstecken», hält er rückblickend fest.

Immer wieder beschlich ihn die Angst, den Ansprüchen der Aussenwelt nicht genügen zu können. «Ich wollte jemand anderes sein, als ich bin.» Die Drogen schienen ein Hilfsmittel zu sein, um ihn in diesen Zustand versetzen zu können. Es war ein Irrtum.

Im Armani-Anzug am Platzspitz

Mit Alkohol habe es angefangen, am Schluss landete er beim Kokain. Ein typischer Junkie sei er allerdings nie gewesen, hält er fest. Also nicht einer von denen, die in den 80er-Jahren am Platzspitz in Zürich zu sehen waren. Am Platzspitz sei er zwar auch gewesen, «aber im Armani-Anzug auf der Suche nach einem Dealer».

Damals arbeitete er noch in einer Kaderposition bei einem Unternehmen. Keine Ausnahmeerscheinung. Drogensucht käme in allen Schichten vor, der Platzspitz sei bloss die hässliche Fratze, welche die Gesellschaft am Fernsehen sehe.

Spiralformenartig hätten ihn die Drogen in der Folge immer tiefer nach unten gezogen, sein Leben kaputt gemacht. «Freunde wollten irgendwann nichts mehr von mir wissen», erinnert sich der vierfache Vater.

Glückliche Fügung

Vor rund zwölf Jahren verzweifelte er schier an sich selbst. Letztlich sei es einer glücklichen Fügung zu verdanken, dass er sein Leben mit der Zeit doch wieder in den Griff bekam. «Ich habe durch meine Freundin eine Selbsthilfeorganisation kennengelernt und dank ihr den Weg von der Sucht wieder nach draussen gefunden.» Heute sage er, dass sein grösstes Glück darin bestand, wieder aufhören zu dürfen – und zu können.

Freundschaft, materielle Absicherung, Selbstwertgefühl: Das alles sei erst wieder möglich, wenn der Teufel der aktiven Sucht vertrieben werden kann. Das passierte bei ihm am 24. Februar 2008. Er erinnert sich noch genau an dieses Datum. «In der Nacht zuvor habe ich nochmals Vollgas gegeben und tags darauf in den Spiegel geschaut.»

Inzwischen clean und trocken

Seither ist Schluss, heute sei er clean und trocken, dank dieser Selbsthilfegruppe. Es habe lange gedauert, bis er sich eingestanden habe, dass er Hilfe benötige. Sucht sei eine Krankheit, werde leider noch immer oft tabuisiert.

«Sagt zu euch: Ich habe ein Problem und ich brauche Unterstützung.»

Jungen Menschen in der gleichen Situation wie er früher als Teenager gibt er mit auf den Weg: «Sagt zu euch: Ich habe ein Problem und ich brauche Unterstützung.» Er habe bis zu dieser Erkenntnis leider 40 Jahre alt werden müssen.
 

Vor einem Rückfall hat er keine Angst, aber Respekt. «Man muss immer aufpassen.»

Seine grosse Liebe hat den Ausstieg aus den Drogen übrigens nicht geschafft und ist vor ein paar Monaten gestorben. Als Vermächtnis hinterliess die Freundin Stefan einen fünfjährigen Jungen, um den er sich jetzt intensiv kümmere. Sorge tragen will und muss er aber auch sich selber.