Joachim Franz (52) hat sich dem Kampf gegen HIV und Aids verschrieben. Nichts kann ihn dabei aufhalten. Es kommt schon einmal vor, dass Joachim Franz auf der Strasse oder in einem Café von wildfremden Menschen auf sein Engagement angesprochen wird. Meist bekommt er dann Komplimente zu hören. «Wenn wir über HIV und Aids reden und die Worte ‹betroffen sein› in den Mund nehmen, beginnt bereits eine Art von Vorverurteilung, oft verbunden mit der eigenen Unwissenheit zum Thema HIV und Aids», sagt Franz. Natürlich sei er selber von der Thematik betroffen und deshalb ein so genannter Aidsaktivist. Einer, der sich engagiere, der immer wieder Tabus breche und dazu beitrage, dass HIV und Aids zum öffentlichen Thema wird. Die Frage, ob er selber HIV-positiv ist, lässt er unbeantwortet. «Suchen Sie es sich aus», pflegt er dann jeweils zu sagen.

Gegen die Ohnmacht
Früher betätigte sich Joachim Franz als Extremsportler, der mit offenen Augen und Ohren in der ganzen Welt unterwegs war. 1998 wurde er erstmals mit Aids-Sterbehäusern auf den Philippinen konfrontiert, die er als unwürdig empfand. Bereits vier Jahre zuvor erschütterten ihn das politische und menschliche Elend in Südafrika, das Wegsehen in Europa, die Aidskatastrophe in Asien und Osteuropa, die Tausenden von zwangsprostituierten Mädchen in Nepal, dem Königreich, das dem Himmel doch so nah sei. Es habe ihm nicht egal sein können, dass Menschen auf Grund einer Krankheit klassifiziert, ausgeschlossen und verurteilt werden, sagt Franz, dass sie auf Grund ihrer Neigungen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. 1999 gründete Joachim Franz die «World Aids Awareness Expedition». Ein nicht immer ungefährliches Unterfangen, denn in vielen Staaten der Welt, so der Aidsaktivist, «gesellt sich zu Ignoranz und fehlender Bildung oft blinder Gehorsam». Ohne soziale Netzwerke und Betreuung würden von HIV und Aids betroffene Menschen die Ohnmacht, Wut und Ratlosigkeit ganzer Staaten zu spüren bekommen, betont Franz. «Hier setzt meine Arbeit an», sagt er.

Auftrag und Kampagne
Er wurde bei seinen Einsätzen im Kampf gegen Aids mehrfach inhaftiert und misshandelt. Man verwehrte ihm den Zutritt zu diversen Ländern. Auch davon liess sich Joachim Franz nicht aufhalten. 2001 war er als erster und bisher einziger Mensch mit dem Mountainbike von Paris nach Dakar unterwegs. «Hand in Hand gegen Aids», lautete seine Botschaft, die ihm seine erste Inhaftierung einbrachte. Später betrat sein Team den «verbotenen» chinesischen Boden auf einer Höhe von 7000 Metern. «Ein Zeichen des Lebens in der Todeszone» nannte er die Expedition, zu der er 2004 aufbrach. Ein Jahr später durchquerte er den amerikanischen Kontinent, um auf die Aidsproblematik von Millionen von Strassenkindern aufmerksam zu machen. 2006 gründete er einen eigenen Verein, den «Be Your Own Hero e.V.», der es sich zum Ziel setzte, sich um betroffene Kindern zu kümmern. 2008 mobilisierte Joachim Franz Menschen in allen Ländern der Welt, die auf dem höchsten Berg des jeweiligen Landes eine Fahne mit der Aids-Dunkelziffer hissen wollten. In mehr als 20 Ländern organisierte er die Besteigungen selber, in weiteren 130 Ländern taten es ihm andere Menschen gleich. 2011 folgte eine Tour durch 55 Länder auf allen bewohnten Kontinenten. Weltweit hätten damals zwei Fragen die Menschheit beschäftigt: Was ist seit 1981 geschehen, als die Kombinationstherapien in Studien untersucht wurden, und wie sieht die Situation heute aus? Die Antworten, so Franz, seien für ihn ernüchternd gewesen und hätten einen Auftrag und eine Kampagne hinterlassen: «Move the World».

Welt ohne Tabus
Seine Ideen und sein Engagement im Kampf gegen Aids wurden inzwischen mehrfach ausgezeichnet. Es sei nicht sein Beruf zu helfen, sondern seine Berufung, sagt Franz. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner gründete er das erste Laufprojekt der HIV-Positiven B42. Er sammelte Geld für HIV-Kinderambulanzen und Jugendprojekte. Er initiierte den Bau von Heimen in Südafrika und unterstützte Bildungseinrichtungen von El Salvador bis Thailand. Franz reiste auf eigene Kosten in die Projektländer. Die jungen Menschen würden ihm die Kraft für sein Lebenswerk geben. «Es ist das Leuchten in Kinderaugen, das bei mir den Anstoss zum Handeln auslöst.» Seine Mission sei es, Menschen für Menschen zu begeistern. Gerade jungen Menschen will er Mut machen, auch wenn HIV und Aids nach wie vor eine belastende Krankheit sind und die Therapien lebenslang eingehalten werden müssen. Mit manchmal auch unangenehmen Begleiterscheinungen. «Kondome schützen. Nicht nur vor HIV und Aids, sondern vor allem auch vor einer Vielzahl an Geschlechtskrankheiten», sagt Joachim Franz. Mit seinen Geschichten und seiner Botschaft geht er heute von Schule zu Schule und füllt als Referent unterdessen ganze Säle. «Wir haben die Pflicht, den kommenden Generationen ein Stück intakte Welt ohne Tabus zu hinterlassen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen», ist Joachim Franz überzeugt.