Beim Dreiländerkampf in Saint-Étienne (FRA) vom 7. Juli 2018 haben Sie sich bei der Bodenübung am linken Knie verletzt. Wie ist die anschliessende Operation verlaufen?

Bei der zweistündigen Operation in Bern wurde das vordere Kreuzband neu fixiert und ein Teil des Aussenmeniskus entfernt. Eine mögliche Beschädigung des Schienbeinknochens hat sich erfreulicherweise nicht bestätigt.

Ich bin sehr erleichtert, dass die Operation gut verlaufen ist, und bin froh, dass keine weiteren Verletzungen zum Vorschein kamen. Nun konzentriere ich mich ganz auf die Reha. Und versuche danach, Schritt für Schritt wieder im Spitzensport Fuss zu fassen.

Gut zwei Monate nach der Operation haben Sie vor allem mit dem Kraftaufbau begonnen. Welche Rolle spielt dabei die Physiotherapie?

Am Anfang wurde das Knie mobilisiert und bewegt. Die Physiotherapie spielt dabei eine der wichtigsten Rollen. Es werden gezielte Übungen gemacht. Diese werden überwacht und zusätzlich werden verschiedene Tests durchgeführt, damit das weitere Vorgehen geplant werden kann.

In der Physiotherapie geht es in erster Linie darum, die Stabilität zurückzugewinnen und in der Trainingshalle werden abwechslungsweise der Rumpf, die Arme und die Schultern trainiert.


Es läuft wirklich sehr gut in der Rehabilitation, und das stimmt mich für meine sportliche Zukunft zuversichtlich.
 

Wann können Sie am Barren und Balken mit dem Basistraining beginnen?

Zurzeit trainiere ich bereits wieder am Barren. Beim Balkentraining trainiere ich Basiselemente. Dazukommen natürlich verschiedene Kraftübungen für den Oberkörper, den Rumpf und die Oberschenkel. Alles in allem läuft es gut und ich bin zufrieden mit den Fortschritten, die ich Tag für Tag erziele.

Sie hoffen, an der Weltmeisterschaft 2019 in Stuttgart mit dem Team wieder am Start zu sein. Ist das realistisch oder bleibt es am Schluss halt dann doch nur bei der Hoffnung?

Es ist mein erklärtes Ziel, an der WM 2019 in Stuttgart an den Start gehen zu können, und dafür arbeite ich jeden Tag hart. Aber man weiss nie, was in der Reha noch alles passieren kann. Wie es aussieht, wenn ich das Knie wieder stärker belasten kann, wird sich dann zeigen.

Aber: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Wie haben Sie die harte Phase der Rehabilitation bewältigt und was hat Ihnen dabei geholfen?

Hier haben mir in erster Linie meine Familie und mein gewohntes Umfeld sehr geholfen.

Ich war auch rasch wieder in der Halle in Magglingen präsent, damit ich in meiner gewohnten Umgebung sein konnte. Und ich arbeite sehr viel, auch im mentalen Bereich. Das ist für mich zentral und wird mir dabei helfen, mich Schritt für Schritt wieder an die Spitze heranzutasten.

Welche Therapien haben Sie danach absolviert?

Bis anhin standen noch keine speziellen Therapien auf dem Programm. Wichtig sind für mich nun in erster Linie positive Gedanken und das Ziel, 2019 wieder fit zu sein.

Wie verläuft Ihr Weg zurück in den Spitzensport – langsam, aber stetig?

Am Anfang sieht man die kleineren bis grösseren Fortschritte. Aber es gibt selbstverständlich auch Zeiten, wo man das Gefühl hat, es geht nicht vorwärts und dann ist in erster Linie Geduld angesagt.

Wie wichtig ist für Sie ein adäquates Aufbautraining – auch im Sinne der Prävention?

Ich bin davon überzeugt, dass ein gezieltes Aufbautraining, erstellt von Profis, unumgänglich ist.

Spitzensportler würden Raubbau an ihrem Körper betreiben, heisst es oft. Ganz direkt gefragt: Welche Auswirkungen hat der Spitzensport auf Ihren eigenen Körper?

Verletzungen gehören zu jeder Sportart, ob beim Breiten- oder beim Spitzensport. Wir Spitzensportler haben in all den Jahren gelernt, auf unseren Körper zu hören, und machen dementsprechend gezielte Trainings und Rehaphasen. Je älter ich werde, umso wichtiger sind für mich die Erholungsphasen.

Verraten Sie uns doch, wie Sie mit den physischen und psychischen Herausforderungen, Belastungen und auch Schmerzen umgehen?

Allein finde ich den Weg zurück an die Weltspitze sicher nicht. Die Angst, dass wieder eine Verletzung passieren könnte, ist immer da. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, zusammen mit meinem Mentaltrainer an dieser Angst zu arbeiten, den Kopf frei zu bekommen.

Die körperlichen Schmerzen von Verletzungen gehe ich gemeinsam mit meinem Physiotherapeuten und meinen Trainern an. Der Austausch mit anderen Sportlern über deren Verletzungen und über den Wiederaufbau bringt viele gute Ansätze für die Herausforderung, zurück an die Weltspitze zu kommen.

Sie sind sehr ehrgeizig und gehen oft an Ihre eigenen Grenzen. Wo hört für Sie der Spass dann aber definitiv auf?

Wenn ich sehe, dass mein Körper den Belastungen des Spitzensports nicht mehr standhalten kann, höre ich auf. Nach Rio war ich körperlich am Ende und mein Kopf war komplett leer. Meine Auszeit in Australien war das Beste, was ich damals tun konnte.

Weg vom ganzen Kunstturn-Zirkus und rein ins Vergnügen des Nichtstuns. Alles hinter mir zu lassen und mir klar zu werden, was ich wirklich will. Das hat mir extrem gutgetan.

Ihr nächstes grosses Ziel sind die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020: Was dürfen wir da von Ihnen erwarten?

Dass ich mein Bestes geben werde, wenn es dann auch klappt, dabei zu sein. Wir schauen jetzt aber erst mal von Monat zu Monat. Der Weg ist für mich das Ziel. Ich sage mir: Machen wir also das Beste daraus – und wenn es am Schluss Tokio 2020 wird, dann ist das für mich umso schöner.

Man hat mich auch schon gefragt, weshalb ich nach dem Gewinn der Bronzemedaille an der Sommer-Olympiade 2016 in Rio nicht aufgehört habe. Die Antwort ist einfach: Ich will noch höher hinaus.

Giulia Steingruber ist eine Schweizer Kunstturnerin. Ihr bisher grösster Erfolg ist der Gewinn der Bronzemedaille am Sprung an den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro.

Steckbrief

Das ist Giulia Steingruber

  • 24. März 1994 in Gossau geboren
  • Kunstturnen: Mit sieben Jahren entdeckte sie ihre grosse Leidenschaft
  • Training: Mind. 28 Stunden in der Woche
  • Grösster Erfolg: Bronze-Medaille im Sprung Olympische Spiele Rio de Janeiro 2016
  • Nächstes Ziel: Olympische Sommerspiele in Tokio 2020

«Trotz Verletzung bin ich überzeugt, dass das letzte Kapitel meiner Karriere noch nicht geschrieben ist. Ich will noch höher hinaus!» «Jaa, mata ne!»