Ich denke nicht, dass ich eine höhere Schmerzensgrenze als andere Leute besitze. Meiner Meinung nach ist jeder Mensch in einer Extremsituation dazu in der Lage, grosse Schmerzen auszuhalten. So habe ich durch den Spitzensport gelernt, an meine äussersten Grenzen zu gehen.

Als Marathonläufer und Physiotherapeut hatte ich das Glück, zwei Traumberufe ausüben zu können.

Bis heute habe ich dreissig Marathons bestritten und jedes Mal war es eine neue Erfahrung. Im Verlauf meiner Karriere musste ich lernen, dass jeder Marathon einzigartig und unvorhersehbar ist. Manchmal treten die ersten Schmerzen bei Kilometer 30 auf, manchmal machen sie sich auch schon nach 18 Kilometern bemerkbar. Je früher das Leiden losgeht, desto mehr «Mindwork» beziehungsweise mentale Stärke ist für das Überstehen der verbleibenden Strecke erforderlich.

Falsche Selbsteinschätzung kann fatal sein

Ich habe mir über die Jahre eine Motivationsmethode erarbeitet und verinnerlicht, die ich geistig abrufen kann, wenn ich ans Limit komme. Die grosse Kunst eines Marathonläufers besteht darin, die auf dem Silbertablett präsentierten Gründe, die ihn zur Temporeduktion bewegen könnten, einen nach dem anderen zurückzuweisen. Die andere Kunst ist es, seine Gesundheit dabei nicht in Gefahr zu bringen.

Damit es nicht zu Verletzungen kommt, muss man auch präventiv arbeiten. Dazu gehört die richtige Trainingsvorbereitung, aber auch viele weitere Mosaiksteinchen wie zum Beispiel eine gesunde Ernährung, Beweglichkeit, Erholung etc.

An den Olympischen Spielen im Jahr 2004 wurde mir meine falsche Selbsteinschätzung zum Verhängnis. Ich war bereits im Vorfeld des Marathons gesundheitlich angeschlagen. Da die Spiele aber nur alle vier Jahre stattfinden, wollte ich unbedingt am Lauf teilnehmen.

Weil ich nicht auf meinen Körper gehört hatte, musste ich das Rennen bei Kilometer 32 aufgeben. Doch damit nicht genug: Aufgrund einer Beckenverletzung hatte ich noch lange Zeit mit schwereren gesundheitlichen Folgen zu kämpfen. Ein operativer Eingriff, den ich dank Physiotherapie und Osteopathie abwenden konnte, hätte wohl mein Karriereende bedeutet.

Des Glückes eigener Schmied

Als Marathonläufer und Physiotherapeut hatte ich das Glück, zwei Traumberufe ausüben zu können. Dank der Ausbildung zum Physiotherapeuten lernte ich meinen Körper noch besser kennen und konnte so während meiner Karriere viel schneller darauf reagieren, wenn ich meinen Körper in eine Überlastung hineinmanövrierte.

So hatte ich den Physio ja immer dabei. Jetzt, nach meiner sportlichen Karriere, kann ich dank meinem Wissen Menschen aufzeigen, wie wichtig Bewegung ist, damit sie erst gar nie zum Arzt müssen. Meine Arbeit ist also vor allem präventiv.

Die Grundvoraussetzungen für den Erfolg im Laufsport sind Begabung, Ehrgeiz und Fleiss. Die entscheidende Fähigkeit besteht jedoch darin, der Verlockung während des Laufens zu widerstehen, nicht das Maximum zu geben, weil man sich schonen will oder weil man vielleicht denkt, man hätte gerade nicht den besten Tag erwischt.

Mit dieser Vollgas-Taktik ist es mir bisher immer gelungen, mein Glück auch ein bisschen zu erzwingen. Mein Lebensmotto lautet «if you can dream it, you can do it». Wenn ich etwas ganz fest will, dann träume ich irgendwann davon. Mein Körper und Geist verinnerlichen dieses Wunschziel so stark, dass mir fast jedes Vorhaben gelingen kann.

Nach meinem Rücktritt im Jahr 2014 hat sich mein sportliches Leben komplett geändert. An die Stelle des Spitzensports trat der Gesundheitssport. Verglichen mit den letzten 27 Jahren bewege ich mich heute extrem viel weniger. Die Umstellung war nicht einfach für mich.

Doch meine Familie und meine Firma geben mir die nötige Ablenkung und Motivation, um positiv auf meinen neuen Lebensabschnitt zu blicken. An Ostern steht mir eine Laufwoche mit Klienten in Andalusien bevor. Ich freue mich auf kurze Hosen und tägliches Rennen den Sandstränden entlang.