Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Nach meinem Unfall begann ich noch in der Reha, mit meinem iPhone die Umgebung zu fotografieren. Aufgrund des steigenden Interesses und der Freude an der Fotografie kaufte ich schon bald darauf eine Spiegelreflexkamera.

Als ich dann meinen Beruf beim Radio wegen körperlicher Beschwerden aufgeben musste, wurde die Fotografie auch zum beruflichen Thema.

Was fotografierst du?

Ich interessiere mich besonders für die Reportagen-Fotografie. Das können Städte, Menschen oder auch andere Sujets sein.

«Ich lege meinen Fokus auf das Schöne, wodurch mir auch die Welt etwas schöner erscheint»

Reportagen sind zwar relativ zeitaufwendig, sie faszinieren mich aber, weil die Bildfolgen Geschichten aus einem persönlichen Blickwinkel erzählen.

Das wechselnde Auge des Betrachters beziehungsweise des Fotografen macht die Fotografie gerade so abwechslungsreich und vielfältig.

Was gibt dir die Fotografie?

Unglaublich viel. Fotografieren ist für mich wie Meditation: Ich lege meinen Fokus auf das Schöne, wodurch mir auch die Welt etwas schöner erscheint. Genau das musste ich nach meinem Unfall neu erlernen: in allen Situationen etwas Schönes zu finden, um nicht am Schrecklichen zugrunde zu gehen.

Hier sehe ich eine grosse Parallele zwischen meiner Psyche und meinem Schaffen als Fotograf.

Mit welchen unschönen beziehungsweise nervigen Situationen wirst du in deinem Alltag häufig konfrontiert?

Es gibt nicht viele Fragen, die mich stören. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Menschen neugierig sind. Ich habe aber etwas Mühe, wenn mich die Leute „behindert“ nennen.

Dieses Wort wurde zu meiner Schulzeit immer als Beleidigung verwendet und hat deshalb für mich immer noch einen unangenehmen Beigeschmack.  Ausserdem fühle ich mich nicht wie ein „Behinderter“.

Wirklich nerven kann und will ich mich aber nicht darüber, weil ich denke, dass ich früher wohl ähnlich wenig Feingefühl aufgebracht hätte. Gewisse Leute wissen sich nun mal nicht richtig auszudrücken. Vielleicht haben sie sogar gute Absichten, aber es kommt falsch rüber.

Wie könnte man solche beleidigenden Situationen vermeiden?

Ich wäre dafür, dass man den Begriff „Behinderung“ durch „Verhinderung“ ersetzt. „Verhinderung“ kommt dem Sachverhalt schon etwas näher und ist zudem als Wort nicht vorbelastet.

Um nochmals auf die Fotografie zurückzukommen: Braucht es deiner Meinung nach Talent, um ein guter Fotograf zu sein?

Jein. Ich glaube, Talent ist lernbar. Wenn man sich wirklich für etwas interessiert, kann man es sich auch gut beibringen. Ein gewisses Mass an Begabung macht das Ganze bestimmt einfacher. Man eignet sich gewisse Techniken schneller an und hat vielleicht eher ein Auge für das Schöne und Spezielle.

Hast du berufliche Vorbilder?

Ich hege grosse Bewunderung für die Fotoagentur Magnum. Ihre Members sind für mich wie Götter der Fotografie. Ihr Schaffen ist absolut «outstanding».

Wo siehst du dich beruflich und privat in zehn Jahren?

Mein Unfall hat mich gelehrt, dass ein Augenblick alles verändern und das eigene Leben um 180 Grad wenden kann. Deshalb mag ich es nicht, weit in die Zukunft zu planen.

Weshalb Zeit für das Schmieden von grossen Zukunftsplänen verschwenden, wenn morgen alles schon wieder ganz anders sein könnte? Ich lebe lieber nach der buddhistischen Lebensform, lebe den Moment und investiere meine gesamte Energie in diesen einen Moment.

Dennoch hoffe ich natürlich, dass ich mich in zehn Jahren immer noch mit dem Fotoapparat in der Hand und mit ein paar interessanten Aufträgen in der Tasche wiederfinde (lacht).

Während dieses Interview entstand, warst du lustigerweise immer gerade unterwegs. Was bedeutet dir das Reisen?

Reisen bedeutet für mich Freiheit und das Erlernen von neuen Dingen. Ich liebe das Gefühl, wenn ich an einem unbekannten Ort ankomme und alles neu entdecken darf. Die Menschen, die Architektur, die Natur. Reisen bringt mich zurück zu mir selbst und erinnert mich stets daran, wie luxuriös das Leben in der Schweiz ist.

Was überlegst du dir im Vorfeld einer Fotostrecke?

Manchmal sehr viel, manchmal eher wenig (lacht). Grundsätzlich geht es mir darum, mit meinen Bildern neue Blickwinkel zu zeigen und/oder den Betrachter zum Nachdenken anzuregen. Eine genauere Ausführung würde jedoch den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Kannst du uns eines deiner Projekte etwas näher beschreiben?

Bei meinen USA-Reisen konzentriere ich mich immer auf zwei verschiedene Themen. Einerseits konzentriere ich mich auf das Schöne, andererseits fotografiere ich immer noch eine «The other side»-Reportage. Venice Beach, Miami Beach und der Strip in Las Vegas sind voll von Obdachlosen.

Sie schlafen direkt hinter den weltbekannten und teuren Hotels auf der Strasse. Am Boardwalk von Venice Beach wimmelt es von «homeless people», die jetzt mit ihrem früheren Wohnungsinventar am Strand sitzen.

Sozusagen Orte, wo Schönheit auf harte Realität trifft?

Es sind wunderschöne Plätze, die wir aus zahlreichen Filmen kennen. Aber dass es auch dort so viel Armut gibt, bleibt uns verborgen. Deshalb will ich beide Seiten zeigen. Denn beides ist Realität und soll gesehen werden.  

Simon, du hast uns neugierig gemacht. Wo kann man deine Bilder bewundern?

Meine Bilder findet ihr auf meiner Website, auf Facebook sowie auf Instagram.