Stefan Geisse, Sie waren ein erfolgreicher Berater und Manager in weltweit operierenden Unternehmen in der Konsum- und Gebrauchsgüterindustrie, haben millionenschwere Budgets verantwortet und eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Was ist mit Ihnen passiert?

Ich habe immer mehr gearbeitet und keine Rücksicht auf meinen Körper und meine Bedürfnisse genommen. Dabei ging es weniger um materiellen Erfolg oder Status-Symbole, sondern vielmehr um Bestätigung und Anerkennung. Warnsignale habe ich nicht ernst genommen. Wenn ich müde und erschöpft war, habe ich dies als einen Normalzustand betrachtet und mir gesagt: Aufgeben kommt nicht in Frage. Wenn Sie so wollen, war ich ein Gefangener meiner selbst.

Sie litten unter dauerhaftem Stress und hatten körperliche Symptome wie ständige Anspannung, Zähneknirschen, Schwindel, Tinnitus und zuletzt massive Schlafstörungen. Haben da bei Ihnen nicht alle Alarmglocken geläutet?

Klar bin ich zum Arzt gegangen. Die Schulmedizin hat jedoch nichts Auffälliges gefunden. Die Frage, ob ich Stress hätte, habe ich konsequent verneint, da ich es gar nicht wahrhaben wollte. Ich habe mehr und mehr in Extremen gelebt, da ich mich nur dann noch gespürt habe. Ich bin nicht mehr zur Ruhe gekommen und habe nicht mehr abschalten können. Dabei geriet ich in einen Teufelskreis: Da ich permanent erschöpft war und trotzdem glaubte, funktionieren zu müssen, wurde ich bei der Arbeit immer ineffizienter und habe deswegen noch mehr gearbeitet. Gleichzeitig fühlte ich mich von der Arbeit entfremdet. Am Ende gab es keine Identifikation und keine Leidenschaft mehr.

Was gab denn den Ausschlag für Ihre Besinnung?

Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich mein Leben lebe oder das von anderen. Ich hatte mehr und mehr den Eindruck fremdbestimmt zu sein. Geistig empfand ich eine grosse Leere. Da wurde mir endlich klar, dass ich zur Ruhe kommen und über mein Leben nachdenken muss. Um herauszufinden, was mir wirklich wichtig ist – und um meine Prioritäten neu zu setzen.

Wie haben Sie ins Leben zurückgefunden?

Ich nahm mir eine längere Auszeit und bin nach Südamerika gereist. Ohne Handy und ohne Computer habe ich mich dort auf die Natur eingelassen und wollte den Sinn des Lebens erfahren. Einer der Schlüsselmomente war ein Sonnenuntergang an einem wunderschönen Gletschersee in den Anden, alleine mit meinem Zelt, neben mir wilde Pferde. Jetzt war ich da, wo ich hinwollte, doch auch hier habe ich den Sinn des Lebens nicht gefunden. Schliesslich kam ich zur Erkenntnis: Der Sinn des Lebens kommt nicht von aussen. Er ist in mir drin, nur ich kann ihn entdecken. Dazu muss ich jedoch wieder zu mir finden, mich selbst wieder spüren und meine Potenziale leben. Ich habe mich intensiv mit mir selber und meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt, mich mit asiatischen Wissenslehren befasst und mit Yoga, Meditation, Buddhismus und Ayurveda den Weg zu mir zurückgefunden.

Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?

In erster Linie, dass der Körper nicht endlos funktioniert, ich mich daher bewusst ernähren und verhalten muss und dass es keine Schwäche ist, wenn man Gefühle zeigt. Dass man seinen Mitmenschen mit Wertschätzung und Respekt begegnet, sich selber Grenzen setzt und Ruhe und Balance sucht. Weiter ging es mir darum, die eigenen Ressourcen zu stärken und wieder Stabilität zu gewinnen, wieder Boden unter den Füssen zu spüren und Eigenverantwortung für mein Leben zu übernehmen. Das Allerwichtigste ist aber, dass man es gar nicht so weit kommen lässt, dass plötzlich alle Batterien leer sind. Heute lebe ich im Hier und Jetzt und habe meinen Lebenssinn gefunden. Ich habe einige Aus- und Weiterbildungen in Psychologie, Ganzheitlicher Gesundheit, Ayurveda und als Yoga- und Meditationslehrer gemacht und bin im Bereich betriebliche Gesundheitsförderung und als Gesundheitscoach tätig. Ich habe erkannt, dass ich mit meiner Erfahrung und meinem Wissen Menschen in ähnlichen Situationen weiterhelfen kann. Indem ich ihnen den Weg zu einem erfüllten Leben aufzeige: Ein Leben wieder voller Lebensfreude, Klarheit und Kraft.