Dass ich nicht mehr gut höre, realisierte ich zum ersten Mal an einer Ornithologischen Exkursion, als ich die hohen Töne der Vögel nicht mehr hören konnte. Es war der Anfang eines schleichenden Prozesses, dem ich mich – im Gegensatz zu einem Hörsturz – anfänglich gut anpassen konnte.

Arbeitsleben erschwert
Dieser Prozess setzte sich aber unerbittlich fort – und das zu einem Zeitpunkt, als ich noch mitten in meiner Berufstätigkeit stand. Ich war in meiner Tätigkeit als Ingenieur auf vielen Baustellen unterwegs. Da fiel es mir zunehmend schwerer, in lärmiger Umgebung mein Gegenüber zu verstehen. Auch an Sitzungen wurde es mühsam, den Stimmen der verschiedenen Gesprächspartner zu folgen. Langsam wurde mir bewusst, wie ernst meine Hörprobleme waren. Ich liess mich von einem Hals-Nasen-Ohrenarzt untersuchen, der eine beidseitige Otosklerose diagnostizierte. Bei dieser Erkrankung kommt es zu einer Knochenneubildung in bestimmten Bereichen des Ohres. Umgangssprachlich spricht man bei dieser Form der Schwerhörigkeit auch von einer Verkalkung der Ohrgefässe oder auch von der Mittelohrschwerhörigkeit.

Operation half mehrere Jahre
Medikamentös kann die Otosklerose bis heute nicht beeinflusst werden und so musste auch ich an beiden Ohren operiert werden. Mehrere Jahre konnte ich mit dem verbesserten Gehör gut leben. Dann aber setzte sich die Hörverschlechterung fort und ich benötigte erst ein, dann ein zweites Hörgerät. Ohne diese Hörhilfen würde ich heute noch ganze 5 Prozent hören. Trotz der verbesserten Hörfähigkeit gibt es viele Tätigkeiten, die ich durch meine Hörbehinderung nicht mehr ausüben kann. Früher habe ich sehr gerne Vorträge und gesellige Veranstaltungen besucht – dies ist heute nicht mehr möglich. Ebenso hat sich der Freundeskreis stark eingeschränkt. Eine gesellige Runde mit mehr als vier Personen ist praktisch unmöglich geworden. Ich muss meinen Gesprächspartnern ins Gesicht schauen können, um einem Gespräch zu folgen.

Viel Verständnis nötig
Daneben braucht es viel Verständnis und Geduld im Zusammenleben mit einem Hörbehinderten. Oft führt das Nichtverstehen des Inhalts eines Gespräches zu Missverständnissen. Ich kann nicht spontan antworten. Man muss mich konkret ansprechen und mir das Stichwort vorgeben. Noch besser ist allerdings, wenn ich selbst das Thema bestimmen kann – dann kann ich mich relativ sicher in Gesprächen bewegen. Daneben muss auch die Akustik eines Raums stimmen. Vor kurzem war ich an einer Beerdigung in der Kirche – der Hall war dermassen gross, dass ich, trotz aller technischen Finessen, kein Wort der Predigt verstanden habe. Anders ist es bei Musikkonzerten. Diesen kann ich noch relativ gut folgen - auch wenn ich gewisse Töne nicht mehr höre. Die Töne, die man nicht mehr hört, ruft man sich aus seiner Erinnerung herbei. So habe ich in hohem Alter noch mit dem Keyboard zu spielen begonnen und nehme regelmässigen Musikunterricht auch um geistig fit zu bleiben. Geistige Beweglichkeit ist wichtig. Denn das Verstehen setzt sich aus mehreren Stufen zusammen. Die erste betrifft das physische Hören – zur Verbesserung gibt es Hörgerät Stufe zwei ist das Verstehen und Stufe drei das Begreifen. Da kommt es auf Intelligenz, Wissen und einen umfangreicher Wortschatz an. Ein grosser Wortschatz ist das A und O des Verstehens.

Gezieltes Training hilft
Um meine Kommunikation stetig zu verbessern, besuche ich sogenannte Verständigungstrainings, die in regelmässigen Kursen und in externen Wochen-Intensivkursen vermittelt werden. Diese Kurse von pro audito werden von der IV subventsioniert. Gezieltes Verständigungstraining führt markant zu besserem Hören und Verstehen. Wir lernen das Ablesen von den Lippen, entschlüsseln das Mienenspiel des Gegenübers und erweitern unseren Wortschatz. Unter Schwerhörigen hilft schliesslich das Fingeralphabet, mit dem alle Buchstaben mit den ­Fingern angezeigt werden können. Daneben wird der ganze Wahrnehmungs­bereich geschult und es werden Fähigkeiten für eine verbesserte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben trainiert. Zudem helfen die Kurse, mit Leidensgenossen in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig auszutauschen. Menschen in meiner Situation kann ich das nur empfehlen.