Simon, kannst du dich an deinen Unfall erinnern?

Nicht wirklich. Ich kenne nur die Zeugenaussagen. Die lauten, dass ich an einer Party auf einem Balkongeländer sass und mich mit Leuten unterhielt. Dabei wollte ich mich an einem Banner hinter mir anlehnen.

Das Banner riss jedoch und ich stürzte zwölf Meter in die Tiefe. Meine ersten klaren Erinnerungen habe ich an die Reha. Davor war ich noch im Unispital. Ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern.

Wie ging es in der Reha weiter?

Bis ich wieder ganz zu mir fand, vergingen etwa zwei Monate. Die ganzen Schmerzmittel vernebelten anfangs mein Denken. Die stationäre Erst-Reha verlief zuerst nur sehr schleppend. Meine Muskeln hatten sich zwischenzeitlich zurückgebildet.

Als ich meinen Oberkörper wieder bewegen konnte, fehlte es mir an Kraft und Gleichgewicht, um mich vernünftig aufzusetzen. Bei meinem ersten Versuch, mich in meinen Rollstuhl zu setzen, war ich auf die Hilfe von vier Personen angewiesen.

Mittlerweile schaffe ich es – dank Reha – ohne Hilfe in Sekundenschnelle.

Woraus setzte sich deine Therapie zusammen?

Die Physiotherapie mit Fokus auf das Rollstuhl-Handling und Muskelaufbau war ein wichtiger Bestandteil.

Auch das Erlernen der alltäglichen Tätigkeiten wie Anziehen oder Kochen und die Ergotherapie waren zentrale Komponenten der Reha. In physiotherapeutischer Behandlung bin ich noch heute, weil sie mir guttut.

Wie verhält es sich heute mit den physischen, aber auch psychischen Schmerzen?

Kurz nach dem Umfall überwog der psychische Schmerz. Mittlerweile ist dieser den physischen Schmerzen gewichen. Seit ich im Rollstuhl sitze, leide ich an einem chronischen Brennen im Gesässbereich.

Wenn es mir gut geht, befinden sich die Schmerzen auf einer Schmerzskala zwischen vier und acht. Am heftigsten sind sie jeweils abends.

Was sagen die Ärzte?

Die genaue Ursache ist bis heute ungeklärt. Man geht von einer Kombination aus verletzten Nerven im Rückenmark, einer Überbelastung des Gesässes und einer kleinen Hirnverletzung aus, die ich habe.

Starke Schmerzmittel wie Opiate könnten meine Schmerzen zwar lindern. Allerdings fürchte ich mich vor einer Abhängigkeit und den Nebenwirkungen. Auch beim Reisen wäre ich viel eingeschränkter, da gewisse Schmerzmittel in anderen Ländern verboten sind.

Wie schaffst du es, die chronischen Schmerzen ohne Schmerzmittel auszuhalten?

Durch regelmässige Entlastung. Ich achte darauf, nicht ständig zu sitzen. Ich lege mich des Öfteren mal hin oder wechsle meine Sitzhaltung. Dank diesen Massnahmen habe ich eine gute Balance gefunden, um gut durch den Tag zu kommen.

Zudem habe ich mich bis zu einem gewissen Grad an die chronischen Schmerzen gewöhnt. Aber es gibt auch Phasen, da halte ich die Schmerzen kaum aus. Ich bin dann im Stand-by-Modus und nichts geht mehr. Vor einem Jahr sind noch Hüftschmerzen dazugekommen, was die Situation nicht gerade einfacher macht.

Wie beeinflussen die Schmerzen deinen Alltag?

Da ich aufgrund der Schmerzen nicht lange sitzen kann, kommt für mich ein gewöhnlicher Job nicht infrage. Glücklicherweise kann ich meine Arbeit als freiberuflicher Fotograf und Botschafter für ein Kunstlabel gut selbst einteilen.

Aufgrund meiner IV-Rente habe ich keinen Einkommensdruck. Besonders zu schaffen macht mir, dass die Schmerzen mein soziales Leben tangieren. Ich unternehme weniger, schone meinen Körper aus Angst vor Konsequenzen. Das schlägt schon auf die Laune.

Dennoch bist du ein lebensfroher und vielseitig engagierter Mensch.

Ich bin keiner, der herumjammert. Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören und seine Signale rechtzeitig zu erkennen. Die grösste Herausforderung nach dem Unfall war es, ein Gleichgewicht zu finden.

Und zwar zwischen dem, was der Kopf will und was mein Körper kann. Wem dies gelingt, der kann meiner Meinung nach trotz körperlicher Einschränkungen relativ aktiv bleiben.