Denise Biellmann, Sie waren eine populäre Spitzensportlerin, im erfolgreichsten Jahr 1981 Europameistern und Weltmeisterin sowie Kürolympiasiegerin 1980 im Eiskunstlaufen. Wie sah Ihr Trainingsplan damals eigentlich aus?

Während meiner aktivsten Wettkampfzeit, als ich Profiwettkämpfe bestritt, trainierte ich rund fünf Stunden pro Tag. Aber auch später, als ich mit den Ernstkämpfen aufhörte und bei Eisrevuen mitmachte, habe ich weiterhin Spitzensport betrieben. Ich wollte nie bloss «halbbatzig» trainieren.

Auch heute noch bin ich täglich auf dem Eis, arbeite mit jungen Talenten zusammen, die Spitzensport betreiben, und bin gut in Form.

Spitzensportler(innen) haben meist ein sehr grosses und ambitiöses Ziel vor Augen und nehmen deshalb manchmal auch gesundheitliche Risiken um des Erfolges willen in Kauf. Wie sah das bei Ihnen aus?

Ehrgeizige Ziele hatte ich durchaus, wollte immer besser sein und besser werden – aber nie auf Kosten der Gesundheit. Bei Problemen, etwa schmerzvollen Druckstellen am Fuss, habe ich sofort reagiert und abgewartet. Grosse Risiken einzugehen zahlt sich einfach nicht aus.

Das Verletzungsrisiko ist zu gross. Ich habe immer auf meinen Körper gehört und finde das sehr wichtig. Glücklicherweise bin ich von Natur aus mit einer guten Muskulatur ausgestattet, habe auch viel für den Muskelaufbau getan und blieb von grösseren Verletzungen verschont.

Wie würden Sie rückblickend den psychischen Druck während Ihrer Aktivzeit beschreiben, die Erwartungshaltung Ihrer Umgebung und der Öffentlichkeit?

So im Alter von 12/13 Jahren habe ich das alles noch sehr spielerisch genommen, auch die Medien haben mich nicht besonders interessiert. Ich war stolz auf meine Leistungen und hatte grossen Spass. Von Eltern oder Trainern kam nie Druck, aber mit der Zeit dann schon von den Medien. Wenn beispielsweise aufgrund meiner guten Ergebnisse prognostiziert wurde, dass ich sicher gewinnen werde, hat das in mir schon etwas ausgelöst. Diesen medialen Druck habe ich vor allem 1981 gespürt, als ich an der WM und der EM alles gewonnen hatte. Als ich mit meiner Mutter damals in New York war, habe ich zu ihr einmal gesagt: Komm, wir gehen doch nur shoppen und lassen alles andere sein. Aber das verfliegt dann schnell wieder und war auch nicht wirklich ernst gemeint.

Eine echte Krise hatten Sie also nie?

Rücktrittsgedanken nein, wirklich nicht. Aber nach der EM lief es einmal nicht so gut. Ich fühlte mich psychisch angeschlagen und wollte sogar auf die Olympischen Spiele verzichten. Doch der Verband hat mir sehr geholfen und mich wieder aufgebaut.

Beeindruckt hat mich auch mein Vater. Er sagte mir, ich solle nicht alles so ernst nehmen, es gehe ja nur um Spiele, wie der Name Olympische Spiele besage. Ich habe mich dann in die Berge zurückgezogen, in einem Monat einiges an Gewicht verloren und bin eine neue – und erfolgreiche – Denise geworden. Im Kopf läuft manchmal eben viel ab.

Spitzensportler werden heutzutage intensiv medizinisch-fachmännisch begleitet, müssen sich an strenge Richtlinien halten, um bestmögliche Leistungen erbringen zu können. Wie sah das in den achtziger Jahren im Eiskunstlauf aus – und heute?

Wie intensiv eine medizinische Betreuung ist, hängt sicher zu einem grossen Teil von der Sportart ab. Der moderne Fussball ist etwas anderes als Eiskunstlaufen. Beim Eiskunstlaufen hat sich in den letzten Jahrzehnten diesbezüglich praktisch nichts geändert, auch nicht, was das Konditionstraining anbetrifft. Ich baue immer noch stark auf ein gezieltes Intervalltraining.

Und das Ernährungsverhalten?

Dass man ein paar Stunden vor einem Wettkampf Kohlenhydrate zu sich nehmen sollte, wusste man schon in den achtziger Jahren. Im Grunde genommen habe ich aber immer gegessen, was ich wollte, jedoch bis zum heutigen Tag auf eine gesunde Ernährung geachtet. Meine Eltern sind mit gutem Beispiel vorangegangen. Im Alter von 15 Jahren wog ich um die 47 Kilo, jetzt sind es rund 50. Was es braucht, ist eine gewisse Selbst-Disziplin.

Das fiel mir aber nie schwer. Mein gesundes Müsli habe ich mir schon seit meiner Kindheit selber zusammengestellt. Und den Drang, mich klammheimlich am Kiosk noch mit Süssem einzudecken, verspürte ich nie. Das liegt nur schwer im Magen. Mein Ziel war es, Weltmeisterin zu werden. Und  so habe ich auch gelebt. 

Sie haben unter Asthma gelitten, was Ihrer Karriere jedoch nicht geschadet hat. Was wusste man damals über den Zusammenhang Sport/Asthma?

Es handelt sich um Pollen-Asthma. Im Winter bei Wettkämpfen hatte ich damit kein Problem, wohl aber im Sommer während des Trainings. In Konditionstests schnitt ich manchmal sehr schlecht ab. Und in Magglingen bin ich sogar einmal zusammengebrochen.

Ich habe unter dieser Krankheit schon gelitten. Besserung trat ein, als ich einmal an einem Event der Lungenliga von meinem Problem erzählte. Dort hat man dann die richtigen Schlüsse gezogen. Heute wird jemand bei einer derartigen Erkrankung medizinisch ganz anders begleitet. Mehrere Wochen vor der Pollenzeit kann man ein Spray einsetzen, sodass der Fall einer Entzündung gar nicht erst eintritt.

Letzte Frage: Würden Sie heute als junger Mensch etwas anders machen? Weniger trainieren, eine bessere Work-Life-Balance suchen?

Nein. Ich bin sehr zufrieden, so wie es gelaufen ist. Ich selber hatte und habe immer noch eine Riesenfreude am Sport. Es gibt einem ein mega gutes Gefühl.