Nadia Brönimann, wie geht es Ihnen?

Oberflächlich würde ich sagen: «Mir gehts gut.» Nach aussen hat sich mein Leben sehr beruhigt und ich lebe heute einen geordneteren, entspannteren Alltag. In meinem Inneren ist es jedoch noch immer turbulent und es gibt auch heute noch viele Momente, in denen ich mein Leben unerträglich finde. Gleichzeitig, und das ist entscheidend, bin ich dem Leben sehr dankbar  und habe auch eine Grundlust und Freude daran.

Vor 17 Jahren haben Sie die chirurgische Geschlechtsanpassung zur Frau gemacht. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?

Die Anpassung  war ein grosser Schritt mit einer lebenslangen Tragweite. Das war mir damals zu wenig bewusst. Ich empfinde meinen Körper auch heute noch als enorm schwierig. Ich lebe mit täglichen Schmerzen, schlucke nebst den Hormonen noch viele weitere Medikamente und habe leider als Folge der unzähligen Genitaloperationen und der damit verbundenen Komplikationen meine körperliche Sexualität verloren. Damit umzugehen empfinde ich als enorm schwierig. Ich habe diesen Weg selber gewählt mit der Hoffnung, als körperliche Frau glücklich zu sein. Das hat sich nicht erfüllt.

Es ist wichtig, wie man ist und nicht was man ist!

In den ersten Jahren während und nach der Anpassung habe ich über meine Schwierigkeiten im Zusammenhang mit meinem  Sex-Change offen  gesprochen. Dadurch habe ich viel Ablehnung und Unverständnis, ja Ausgrenzung  erfahren. Auch innerhalb der Transgender-Community. Das führte dazu, dass ich mich zurückgezogen und  geschwiegen habe. Heute sehe ich das anders. Es ist meine Aufgabe, an meinem Beispiel auf die Gefahren einer Anpassung aufmerksam zu machen.

Ich kann heute keine grossen Sprünge mehr machen und bin nicht mehr voll leistungsfähig. Zum Glück stimmt zumindest das Gefühl und das Empfinden der Weiblichkeit, unabhängig vom Körper; alles andere wäre eine Katastrophe. Und weisst du was; trotz allem lache ich heute wieder meinem Leben ins Gesicht und dafür bin ich dankbar.

Leben Sie heute eine andere Form der Sexualität?

Ich flirte gerne und viel (… lacht). Sexualität direkt findet aufgrund meiner körperlichen Einschränkung (verpfuschtes Genital)  nicht statt. Ironie des Schicksals; früher, als Christian, war ich gefangen im falschen Körper, der aber gesund war. 

Heute habe ich zwar vom Geschlecht her den richtigen Körper, dieser ist aber, auf die Sexualität bezogen, «unbrauchbar» … ich fühle mich also darin wieder gefangen.

Mir ist es aber gerade an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass ich aus meiner Geschichte, meinem Sex-Change erzähle. Nicht jede Anpassung führt zu dieser Situation oder beinhaltet all die Komplikationen wie bei mir. Ich kenne Transgender-People, bei denen die Anpassung funktioniert hat und die happy sind. Aber genauso kenne ich  Beispiele, bei denen es auch viele Schwierigkeiten, Komplikationen, gesundheitliche Langzeitfolgen und/oder  Enttäuschungen  gab. Die Betroffenen  verschwinden oft «ungehört» im Nirgendwo.  Genau da möchte ich aufklären.

Transgender erlebt aktuell einen regelrechten Boom. Wie stehen Sie dazu?

Einerseits ist das eine sehr positive Entwicklung, dass dieses Tabu gebrochen wurde. Transgender sind heute in den Medien sehr präsent, ich denke da zum Beispiel an Caitlyn Jenner oder Conchita Wurst. Conchita ist zwar kein Transgender, hat aber auch stark dazu beigetragen, dass über das Thema «Transgender» und allgemein «Gender-Identity» heute viel gesprochen wird.  Andererseits sehe ich hier auch die Gefahr, dass das Thema zu romantisch dargestellt und geradezu glorifiziert wird.

Es entsteht leicht der Eindruck, dass man sich einen Supermodel-Body, ein Leben als Traumfrau, einfach so mit ein paar Operationen und Hormonen kaufen kann. Dem ist nicht so! Der grosse Teil der Geschlechtsanpassung findet im Kopf  statt und nicht zwischen den Beinen. Darum erachte ich es auch als sehr wichtig, dass die gewünschte soziale Lebensform nicht mehr an körperliche Eingriffe wie zum Beispiel Kastration etc. gebunden wird, juristische Auflagen und Bedingungen entsprechend vom Gesetzgeber geändert werden.

Welche Tipps haben Sie für andere Transgender?

Überlegt euch eine Operation sehr gut, denn sie ist nicht mehr rückgängig zu machen! Man kann sein Leben nicht einfach therapieren mit dem Skalpell zwischen den Beinen und Hormontabletten! Es gibt auch andere Wege,  im Wunschgeschlecht zu leben – ohne medizinische Eingriffe.

Ich bin diesen Weg damals zu kompromisslos gegangen und bereue das heute. Ich habe mir damals nie überlegt, dass meine Gesundheit Grenzen hat, und habe diese massiv überschritten.  Bezieht auch eure Familien und das Umfeld mit ein. Sprecht über eure Lebenssituation. Denn nicht nur wir als Betroffene durchleben einen intensiven, langen Prozess, auch die Menschen, die uns lieben, die wir lieben, brauchen Zeit.  Wir dürfen nicht nur Akzeptanz  fordern, sondern müssen auch bereit sein, diese zu  geben.  

Zu meiner Zeit wurde nicht darüber gesprochen und ich bin den Weg alleine gegangen.

Zum Glück hat sich da vieles verändert. Es gibt heute gute, kompetente Anlaufstellen. Sehr gerne empfehle ich Transgender-Network Switzerland (TGNS). Da wirst du umsichtig von anderen Transmenschen beraten, bei Wunsch an entsprechende Fachpersonen weitergeleitet,  man findet Infos und Facts zu allen Bereichen der  Transgender-Thematik und natürlich auch Gleichgesinnte.

… Und besonders stark liegt mir ein Zitat am Herzen: «Es ist wichtig, wie man ist und nicht was man ist!»