Begleitet von der Depression


8.30 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich drücke die Snooze-Taste, drehe mich auf die andere Seite. Fünf Minuten später beginnt das Spiel erneut. Bis hier hin alles normal. Die Schlummertaste begleitet viele Menschen durch den Morgen. Die Depression allerdings nicht. Ich kann nicht aufstehen. Es geht einfach nicht. Es ist, als wären meine Beine einfach taub. Ich kann sie nicht fühlen.

Ich kann mich nicht fühlen. Ich fühle nichts, gar nichts, nicht einmal Traurigkeit. Minusgefühle. Alles, was ich tue, ist eine Qual. Meine Katze stupst mich mit der Schnauze an und miaut. Sie hat Hunger. Auch so ein Gefühl, das ich während einer depressiven Episode nicht mehr spüre. Ich nehme die Katze in die Arme und streichle sie. Ich muss aufstehen, um sie zu füttern.

An manchen Tagen klappt es. An anderen – so wie heute – nicht. Ich lege mich zurück ins Bett

Die Katze soll mir dabei helfen, meinen Alltag besser in den Griff zu kriegen. Dafür sorgen, dass ich nicht den ganzen Tag im Bett liege und die Decke anstarre, sondern aufstehe. Weil da ein anderes Lebewesen ist, um das ich mich kümmern muss und das ohne mich hilflos ist.

Mir selbst macht es nichts aus, zu leiden. Es ist mir wie so vieles andere egal. Meine Katze ist es jedoch nicht. Ich liebe dieses Tier, das auch an den schwersten Tagen bei mir ist, mich warm hält und nicht von meiner Seite weicht.

Sie weiss, dass es mir manchmal nicht gut geht. Und es stört sie nicht. Ich schaffe es, aus dem Bett zu klettern und der Katze frisches Futter und Wasser hinzustellen. Wo ich schon mal auf bin, könnte ich eigentlich auch ins Büro gehen. Wenigstens versuchen, etwas zu tun. Und ausserdem ist das Büro ja auch nur 50 Meter von meiner Wohnung entfernt. Es sollte machbar sein.

Ich denke daran, dass manche Menschen jeden Tag mehrere Stunden pendeln müssen, um zur Arbeit zu gelangen, und ich stehe hier, die Zahnbürste im Mund, und finde schon die 50 Meter viel zu viel. Kann sich ein Mensch, der nicht an Depressionen erkrankt ist, eigentlich vorstellen, wie schwer es für einen depressiven Menschen ist, sich die Haare zu kämmen, weil die Bürste in der Hand gefühlt 200 Kilo wiegt und jede Bewegung Schmerzen verursacht, die eigentlich nicht wirklich da sind, sondern nur eine Barriere im Kopf?

Fehlende Konzentration, die totale Blockade

Im Büro tue ich vier Stunden lang nichts. Ausser den Bildschirm anzustarren, mal hier- und dahin zu klicken. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Kennt auch jeder, das Gefühl, doch bei mir ist es dauerhaft vorhanden und es gibt nichts, das ich dagegen tun kann. Konzentrationsschwierigkeiten gehören zu den Symptomen einer depressiven Episode.

Mein Chef weiss darüber Bescheid. Er ist mir nicht böse, sondern unterstützt mich, wo er kann, und doch geht es mir damit schlecht. Noch schlechter als heute Morgen, als ich im Bett lag und meinen Körper nicht fühlen konnte. Nach vier quälenden Stunden Nichtstun werde ich nach Hause geschickt. Ich soll mich ausruhen, mir Zeit für mich nehmen, wieder zu Kräften kommen.

Symptome

Auf dem Rückweg in meine Wohnung halte ich beim Kiosk an und kaufe eine Tafel Schokolade. Sie ist mein Frühstück, Mittagessen und Abendmahl in einem. Ich kann genau zwei kleine Stücke davon essen, dann wird mir schlecht. Symptom. Ich werfe eine kleine, weisse Tablette ein und spüle sie mit einem Glas Wasser hinunter.

Die Antidepressiva sollen mir meine Empfindungen zurückgeben und die Angst nehmen. An manchen Tagen klappt es. An anderen – so wie heute – nicht. Ich lege mich zurück ins Bett. Die Katze kuschelt sich in meinen Arm. Ich schalte eine Serie an, in der Hoffnung, dass sie mich ein wenig ablenkt. Wahrnehmen tue ich nichts, die Handlung zieht einfach an mir vorbei.

Ich mache die Augen zu, versuche zu schlafen, doch mein Kopf lässt mich nicht. Die Gedanken kreisen, ich komme einfach nicht zur Ruhe. Ewiges Grübeln und Schlafstörungen. Zwei weitere Symptome auf der ewig langen Liste, die irgendwie jeder kennt und deshalb nicht als Krankheit anerkennen will. Ein wenig Hoffnung, dass es morgen besser ist, bleibt.