FACTS
über 10'000 Menschen sind in der Schweiz von der chronischen und unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose betroffen. Bei 80 Prozent der Erkrankten zeigen sich die ersten Symptome im Alter von 20 bis 40 Jahren. Die genaue Ursache von MS ist trotz intensiver Forschung nach wie vor nicht bekannt. Im Verlauf der Erkrankung können vielfache Symptome und Behinderungen einzeln oder in Kombination auftreten. Mit den heutigen Therapieangeboten kann der Krankheitsverlauf bei vielen Patienten gemildert, aber nicht gestoppt werden.
 

Sie sind seit zwei Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Frau Imhof, wie geht es Ihnen heute?
Es ist wirklich nicht leicht, mit den Herausforderungen umzugehen, sei es mit der Erkrankung selber oder den Folgen der medikamentösen Behandlung. Vor allem auch in Bezug auf das Familienleben und die Kinder. Auf der andern Seite habe ich in diesem Jahr nicht unter einem erneuten MS-Schub gelitten. Trotzdem hat mein geschwächtes Immunsystem zu Entzündungen der Haut geführt. Gleichzeitig waren auch mehrere chirurgische Eingriffe nötig, darunter zwei unter Vollnarkose. Dann gibt es die ständigen Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen, eine chronische Müdigkeit und eine unvermeidbare Angst, weil man nie weiss, in welcher Form der nächste Angriff der Krankheit kommt.
 

 

Was ging in Ihnen vor, als Sie mit der Diagnose MS konfrontiert wurden?
Bei meinem jüngeren Bruder wurde die Krankheit 1997 diagnostiziert. Weil sich meine Symptome in einem gewissen Sinne ähnlich anfühlten, hatte ich diese Diagnose irgendwie erwartet. Eine MS-Diagnose zu erhalten ist erschütternd. Es ist als ob das Ende der Welt gekommen wäre. Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich sagen, dass einem die Fähigkeit geraubt wird, mit Zuversicht die Zukunft zu planen.
 

"Irgendwie habe ich die Diagnose erwartet."
 

Wie gehen Sie heute mit Ihrer Erkrankung um?
Es gibt bessere, aber auch schlechtere Tage. Herausfordernd ist die Behandlung selbst, die Unsicherheit, die ständige Ermüdung. Das sind alles Konstanten, mit denen man lernen muss zu leben, sie zu akzeptieren. Von Natur aus bin ich eine positive Persönlichkeit und eine Kämpferin. Mein Wunsch ist es, mit MS in einer Weise umgehen zu können, dass es auch so etwas wie ein «positives Element» in meinem Leben gibt. So kann ich etwas zurückgeben für all die Hilfe und Unterstützung, die ich bis jetzt erhalten habe.
 

 

Sie sind Mutter von zwei Kindern. Wie wirkt sich Ihre Krankheit auf das Familienleben aus?
Gegenfrage: Wie will ich meinem fünfjährigen Sohn erklären, dass seine Mutter krank ist? Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe, dass meine MS-Diagnose mein eigenes Leben, aber auch das meiner Familie komplett zerstört hat. Auch wenn man die Kinder davor schützen will, ist das nicht immer einfach oder möglich. Mein Mann und ich diskutieren regelmässig über solche Konflikte. Gleichzeitig habe ich auch das Bedürfnis, genügend Zeit mit meinem Mann verbringen zu können. Dann gibt es viele weitere drängende Fragen. Etwa die Betreuung der Kinder. Oft denke ich, mir fehlt die Zeit für alles. Dennoch versuchen wir, all diese Schwierigkeiten so gut wie möglich zu bewältigen.
 

 

Ist es überhaupt möglich, eine so schwere Krankheit mit ungewissem Ausgang zu akzeptieren?
Nicht wirklich. Aber ich habe gar keine andere Wahl. Ich versuche dann, mich selber davon zu überzeugen, die MS-Diagnose als eine Entwicklung zu sehen, die mich Tag für Tag fordert – und trotzdem immer dankbar für mein Leben zu sein. Dann halte ich mich an meine Lebensphilosophie: Carpe diem, geniesse den Tag. Das gibt mir Mut und Zuversicht.
 

 

Haben Sie unterdessen gelernt, nicht nur Ihre Defizite zu sehen, sondern auch die verbliebenen Kräfte und Ressourcen?
Ich bin von Natur aus eine starke und zähe Persönlichkeit, aber auch eine stolze und unabhängige Person. Die Krankheit macht mir aber klar, dass ich manchmal keine andere Wahl habe, als andere um Hilfe und Unterstützung zu bitten und dafür dankbar zu sein. Ich habe auch gelernt, bescheidener zu sein in dem, was ich von mir selber erwarte. Und meine Familie hat dafür grosses Verständnis. Trotzdem: Ich bin nicht mehr die Frau, die ich früher einmal war. Leider!
 

 

Was gibt Ihnen trotz der schweren Krankheit Hoffnung?
Ich bin dankbar für Organisationen wie die Schweizerische MS-Gesellschaft, welche die Betroffenen über die Entwicklungen in den Behandlungsmöglichkeiten auf dem Laufenden halten. Natürlich ist meine Hoffnung, dass es in Zukunft noch mehr wirksame Therapieangebote gibt. Vor allem Behandlungen, die nicht mit vielen unangenehmen Nebenwirkungen verbunden sind.
 

 

Was, ist Ihr grösster Wunsch oder Traum?
Mein grösster Wunsch und Traum bleibt, um die Welt zu reisen und so viele verschiedene Orte und Kulturen zu entdecken. Gleichzeitig möchte ich die Energie, die mir bleibt, so gut wie möglich nutzen.

Christian Lanz
redaktion.ch@mediaplanet.com
 
------------
Nützliche Links:
www.multiplesklerose.ch