Wo sehen Sie die grössten Tabus in unserer Gesellschaft?
Manchmal ist es ja fast schon schlimm, wenn man meint, es gäbe keine Tabus mehr. Daraus entsteht dann häufig so eine Pseudo-Liberalität. Dahinter verstecken sich jedoch oftmals noch immer viele Vorurteile. Meiner Meinung nach sind Tabus per se nichts Schlechtes und ich bin der Meinung, dass es Tabus geben muss. Was es nicht geben darf, ist, dass Tabus totgeschwiegen werden. In unserer Gesellschaft werden Tabuthemen häufig einfach ausgeklammert – denken wir nur an Themen wie Tod, sexueller Missbrauch oder Phädophilie. Darüber wird noch immer nicht gerne gesprochen, obschon alle von einer enttabuisierten Gesellschaft sprechen.

Auch Homosexualität ist in gewissen Regionen noch immer ein Tabu…
Ja, da kann ich ein Lied davon singen. Tatsächlich habe ich schon in sehr katholischen ländlichen Regionen erlebt, dass meine Homosexualität einfach ausgeklammert und ignoriert wird. Ich denke, die Leute schaffen sich damit auch einen gewissen Selbstschutz. So nach dem Motto: «Das ist zwar ein netter Typ, ausser, dass er schwul ist. Wenn wir es einfach ignorieren, ist die Homosexualität auch nicht vorhanden». Allerdings vertrete ich auch die Haltung, dass man jetzt nicht ständig auf diesem Thema herumkauen muss. Ich bin es und basta. Da muss man auch kein Geschrei drum machen. Wen es interessiert, der darf es ruhig wissen. Aber man muss sich nicht dafür interessieren. Vielleicht ist es die höchste Form von Toleranz, wenn es jemandem einfach egal ist!

Wie gehen Sie persönlich mit Tabuthemen um?
Ich denke der offene, ehrliche Umgang mit Tabuthemen ist wichtig, und daran halte ich mich auch. Ich spreche Dinge immer offen an und gebe, wenn es passt, eine Prise Humor dazu. Humor kann helfen, Tabuthemen leichter zu machen. Wenn man es schafft, ein etwas schwieriges Thema mit einem gewissen Schalk anzupacken – ohne es ins Lächerliche zu ziehen – dann ist schon viel gewonnen. Mit einem Augenzwinkern nimmt man vielem die Härte.

Sie engagieren sich für die Aidshilfe. Weshalb ist Ihnen dieses Engagement eine besondere Herzensangelegenheit?
Ich denke, wir alle sind mit dem Thema HIV schon einmal in Berührung gekommen. Spätestens wenn man einen Aidstest macht, wird man doch mit dem Gedanken konfrontiert: Was ist, wenn ich positiv bin? Ich muss ehrlich sagen, dass ich in meinen wilden Zeiten das ein oder andere Mal vor dem Resultat gezittert habe und im Nachhinein mehr Glück als Verstand hatte, dass es negativ war. Zudem habe ich einige Freunde, die HIV positiv sind. Mein erster fester Freund war ebenfalls HIV-Positiv und kommunizierte mir das von Anfang an offen. Das war sicherlich mit ein Grund, weshalb ich mich schon früh intensiv mit dem Thema HIV auseinandergesetzt habe oder auseinandersetzten musste.

Homosexualität ist in vielen Branchen, wie etwa im Sport oder auch im Filmbusiness noch immer ein Tabu. Weshalb ist das Ihrer Meinung nach so?
Im Fussball wird zwar immer mehr daran gerüttelt, damit Homosexualität kein Tabuthema mehr ist. Dennoch sind wir weit davon entfernt, dass es selbstverständlich ist, dass ein Profifussballer hinstehen und sagen kann: «Hey, ich bin schwul». Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht wüsste, ob ich als Spitzenfussballer den Mumm hätte, vor zehntausenden von Zuschauern als geouteter Schwuler dazustehen. So ein Stadion ist doch ein Hexenkessel, in dem die Emotionen der Fans übergehen und es auch ziemlich wüst zu und her gehen kann.

Wie haben Sie Ihr Coming-out erlebt?
Relativ sanft und «unblutig». Es gab weder ein Familiendrama noch sonstige unschöne Szenen. Ich hatte damals das Glück, dass mein Götti kurz vor mir sein Coming-out hatte und meine Familie mit dem Thema schon vertraut war. Meine Mutter meinte dann einfach: «Die Hauptsache ist, dass du glücklich bist». Für mich hingegen war es nicht ganz einfach als ich merkte, dass ich möglicherweise schwul bin. Ich dachte nur: Oh nein, nicht das auch noch. Ein Kollege versuchte mich zu beruhigen, indem er meinte: «Das ist ganz normal in der Pubertät und geht schon wieder vorbei». Im Nachhinein kann ich sagen: Zum Glück ist es das nicht (lacht).

Zum Schluss: Welche Tabus gibt es in Ihrem Leben?
Puh, da muss ich wirklich nachdenken. Hoffentlich keine verdrängten? Ich denke aber, dass mir meine Lebensumstände und mein privates wie berufliches Umfeld überhaupt nicht erlauben (falsche) Tabus zu haben. Ohne eine gewisse Offenheit und Empathie käme ich schlecht über die Runden.