Linda lacht gequält. „Dreieinhalb Minuten lang? Wirklich?“, fragt sie den Physiotherapeuten von „med & motion“. Nur im Top und kurzen Höschen, mit Handschuhen, Stirnband und Turnschuhen bekleidet steht sie vor dem Kühlschrank. Sie bibbert schon jetzt. Dann gehts rein. Bei 83 Grad unter Null tänzelt zu Disco-Klängen, um nicht gänzlich einzufrieren. Von der sympathischen Wetterfee ist kaum mehr was zu sehen. Sie ist gänzlich vom Nebel umhüllt. Es sind die wohl längsten dreieinhalb Minuten.

Welche Erlösung, als Physiotherapeut Claudio dann endlich die Türe öffnet und Linda das Badetuch hinstreckt. Ein Lachanfall überfällt sie. Er stammt von den Hormonen, die durch den Kälteschock zuhauf ausgeschüttet werden. Wo wir bei der Frage wären: Weshalb tut sich jemand halbnackt diese antarktischen Zustände an?

Claudio erklärt: „Die Kältetherapie ist eine der wirkungsvollsten Therapien gegen Schmerzen. Sie wird vor allem bei Entzündungen der Wirbelsäule und Gelenke eingesetzt. Oder bei chronischen Schmerzen und rheumatischen Erkrankungen. Durch die Ausschüttung verschiedener Hormone erlangen Patienten vollkommene Schmerzfreiheit.“ Anschliessend an den Gang in den Kühlschrank empfiehlt sich eine Physiotherapiebehandlung, da der angeschlagene Körper dann weniger Schmerz empfindet und belastbarer ist als sonst. Der Zustand der Schmerzfreiheit hält je nach Person erst mal wenige Stunden an. Bei wiederholter Anwendung verschwinden die Schmerzen oft über Wochen oder sogar Monate.

Wie eine Sechzigjährige

Linda Gwerder wagt den Schritt in die tiefen Temperaturen, weil sie nach einer neuen Möglichkeit sucht, ihre Rücken- und Gelenksschmerzen zu lindern. Die 28-jährige Zürcherin leidet an der entzündlich-rheumatischen Erkrankung Morbus Bechterew. „Als Kind machte ich Kunstturnen, da glaubte der Arzt noch, die Gelenksentzündungen würden vom Sport stammen“, erzählt sie. „Doch vor vier Jahren intensivierten sich vor allem im Winter die Schmerzen im Rücken. Mein Rheumatologe analysierte die Symptome sowie mein Verhalten und machte ein MRI. So fand er heraus, dass ich an Morbus Bechterew leide.“

Schubweise kommen die Schmerzen. „Einen Druckpunkt habe ich immer. Ich weiss nicht mehr, was ein schmerzfreier Rücken ist. Zum Glück bin ich ein Sonntagskind und fast immer gut gelaunt. Aber zugegeben: Ich hatte auch schon depressive Phasen.“ Dennoch: Linda begegnet der unheilbaren Krankheit und den Schmerzen sehr positiv. Die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung ihres Leidens belastet sie nicht. Damit sie einschlafen kann, nimmt sie Schmerz- und Schlafmittel, jede Nacht steht sie zwischen drei und vier Uhr auf und muss sich bewegen. „Wenn ich dann am Morgen wieder aus dem Bett steige, sehe ich aus wie eine Sechzigjährige.“

Vorbereitung auf Olympia

Vor Weihnachten nahm sie den Kältetherapie-Tipp an und stieg sieben Tage in Folge in die Kältekammer, ehe sie sich jeweils anschliessend vom Physiotherapeuten behandeln liess. „Es tat so gut, einfach mal ein, zwei Stunden schmerzfrei zu sein.“ Die Zeit in der Kältekammer empfindet sie als unangenehm. „Minus 83 Grad sind schon saukalt. Umso herrlicher ist der Schritt heraus, auch wenn mein Kiefer dann immer so klappert. Ich fühle mich dann weich und glücklich.“

In der Schweiz gibt es nur fünf solche Kältekammern. Neben Patienten sind deshalb auch viele Sportler bei „med & motion“ zu Gast. Claudio: „Die Kältekammer beschleunigt die Erholung, verkürzt die Rehabilitationsphase nach Verletzungen und erhöht die Leistungsfähigkeit im Wettkampf.“ Diverse Fussball-Profis kommen regelmässig, auch manche Olympia-Athleten bereiteten sich hier auf ihre Einsätze in Sotschi vor. Namen nennt Claudio aus Diskretion nicht.

Warmer Zürcher Winter

Dass ihr Morbus Bechterew eines Tages heilbar sein wird, glaubt Linda nicht. Doch damit kann sie leben. Erst recht, seit sie sich vor einigen Monaten entschied, nicht länger ein Geheimnis aus ihrer Krankheit zu machen. „Bis dahin wussten nur die Leute aus meinem allerengsten Umfeld und mein Arbeitgeber davon.“ Manch einer war bestürzt, als sie vom Leiden der Strahlefrau erfuhren. „Mir hat es gut getan. Seither kriege ich Tipps und viele positive Nachrichten.“

Sagts, verabschiedet sich und verlässt die Physiotherapie. Raus in den warmen Zürcher Winter – bei lächerlichen zwei Grad unter Null.