Ausgeruht, lebenshungrig, voller Energie. So beschreibt S. B. seinen Zustand, wenn er morgens aufsteht. «Ich schlafe acht Stunden am Stück. Acht von neun Nächten schlafe ich durch.» Klingt nicht aussergewöhnlich, oder? Für den diplomierten Kaufmann schon. «Dieses gute Gefühl kannte ich lange Zeit nicht mehr.» Die Krankheit kam schleichend. Zehn Jahre ist es her, da tauchten die ersten Symptome auf. «Trotz neun Stunden Schlaf war ich morgens sehr müde, schlapp, überhaupt nicht leistungsfähig.» Das Problem wird immer unerträglicher. «Ich musste bis zu sechs Mal in einer Nacht auf die Toilette und schwitzte jede Nacht zwei Pyjamas durch.»


Schlüsselerlebnis bei 120 km/h

Bei den ärztlichen Checks wird festgestellt, dass S. B. nachts unerklärliche Blutdruckspitzen hat. S. B. erhält immer stärkere Medikamente. Doch nichts hilft entscheidend. Bis es 2008 zum Schlüsselerlebnis kommt. S. B. sitzt am Steuer auf der Autobahn bei 120 Stundenkilometern. Ein Schreck durchfährt ihn, B. findet sich nur wenige Zentimeter von der Leitplanke wieder. So gerade noch kann er sein Auto unter Kontrolle halten. «Vermutlich war ich im Sekundenschlaf.» Der Schreck nach dem Beinahe-Unfall sitzt tief, die Alarmglocken läuten bei S. B. «So kann es nicht weitergehen!» Der 60-Jährige konsultiert seinen Hausarzt. Der denkt sofort an Schlafapnoe und schickt seinen Patienten zum Pneumologen. «Da wurden meine Daten während einer ganzen Nacht aufgezeichnet. Die Auswertung zeigte, dass ich bei acht Stunden Schlaf während 79 Minuten nicht geatmet hatte. Mein Apnoe-Hypopnoe-Index war bei 64. Ich leide also unter einer schweren Schlafapnoe.»


Heikles Thema für Betroffene

Von da an schläft S. B. mit einem CPAP-Gerät. Vom Ergebnis ist er verblüfft: Erstmals seit einer Ewigkeit kann er eine ganze Nacht durchschlafen. «Ich war am nächsten Morgen ein neuer Mensch. Was für ein Lebensgefühl!» Seit dieser Nacht schläft S. B. nur noch mit dem CPAP-Gerät. «Kein Mensch schläft freiwillig mit der Maske, aber der Unterschied zu vorher ist so frappant. Ich gebe das Gerät nicht mehr her.» Heute fragt sich S. B. manchmal, warum er sich der Erkrankung nicht schon früher gestellt hat. «Meine Partnerin hatte mir ein paar Mal gesagt, dass ich Atem-aussetzer habe, aber ich wollte das nicht wahrhaben. Das ist für mich – und wohl für viele andere betroffene Menschen – ein sehr heikles Thema. Früher hätte ich darüber höchstens mit meinem besten Freund gesprochen und auf seine Ratschläge gehört.»


Tabu brechen

S. B. bedauert, dass noch vor wenigen Jahren kaum über Schlafapnoe geredet wurde. «Berichte von Betroffenen hätten mir geholfen. Ich finde es wichtig, dass man das Thema öffentlich macht und man weiss, dass nicht nur 75-Jährige betroffen sind, sondern auch jüngere Leute, ganz normale Menschen, Männer und Frauen.» S. B. möchte Menschen, die vermuten, an Schlafapnoe zu leiden, ermutigen, rasch eine Diagnostik machen zu lassen. «Ich muss in meinem Beruf voll da sein und könnte heute meine Leistung nicht bringen, wenn ich die CPAP-Therapie nicht hätte und mir deswegen mein gesunder Schlaf fehlen würde.»


Benny Epstein
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