Herr Walz, es gibt leider eine erschreckend hohe Dunkelziffer von Menschen, die an Diabetes erkrankt sind. Wie und wann haben Sie persönlich von Ihrer Erkrankung erfahren?

Das kann ich sehr gut nachvollziehen, ich selbst hatte es auch nicht im Geringsten geahnt. Als ich mit meiner Freundin Inge Meysel eines Abends essen war, trank ich ungewöhnlich viel Wasser und süsse Cocktails. 

Meinen Blutzucker überprüfe ich überall, ob im Salon oder in Restaurants, damit habe ich kein Problem

Das war sehr unüblich für mich. Da sagte sie zu mir: «Sag mal, hast du Diabetes, so viel trinkt normalerweise keiner.»

Daraufhin habe ich mich Wochen später untersuchen lassen und tatsächlich kam der Befund Diabetes dabei heraus.

Wie haben Sie diese Diagnose aufgenommen und wie hat sich Ihr Leben / Ihre Lebensweise im Anschluss danach verändert (wurde Ihre Lebensweise gegebenenfalls eingeschränkt)? 

Zuerst war ich sehr erschrocken. Mit Diabetes hatte ich mich nie auseinandergesetzt. Mein erster Gedanke war, nie wieder Süsses etc. Ich bin aufgrund der Diagnose dann zu einem Spezialisten, der mich aufgeklärt hat und mit mir zusammen einen Ernährungsplan erarbeitet hat.

Das war zuerst eine sehr grosse Umstellung, aber heute muss ich im Nachhinein sagen, ich bin froh darüber, dass ich mit Diabetes jetzt seit Jahren so gut zurechtkomme.  

Sie sind ein erfolgreicher Friseur, Unternehmer und ein gern gesehener Gast auf dem roten Teppich. Doch wie andere Diabetiker auch, sind Sie auf Medikamente und die regelmässige Kontrolle Ihres Blutzuckers angewiesen. Wie meistern Sie dennoch Ihren stressigen Alltag? (Beziehungsweise, welche Möglichkeiten gibt es, seinen Alltag um die Erkrankung «herumzuorganisieren»?)

Zunächst einmal, ich habe nie Stress. In meiner Umgebung wissen alle meine Freunde, Bekannten und auch Kunden, dass ich Diabetes habe. 

Gerade in meinem engen Freundes- und Familienkreis wissen alle, was zu tun ist, sollte ich mal unterzuckern. Das kommt selten vor, aber es ist so wichtig, allein wegen der Reaktionszeit und was man tun muss in solch einem Fall.

Darum mache ich kein Geheimnis mehr um den Diabetes. Ich selber trage eine Akku-Check-Insulinpumpe, die mich zuverlässig versorgt. Mein Facharzt hat mich diesbezüglich sehr gut eingestellt. 

Vor allen nachts ist es mir sehr wichtig, dass ich nicht immer spritzen muss, das erledigt meine Pumpe von ganz allein. Meinen Blutzucker überprüfe ich überall, ob im Salon oder in Restaurants, damit habe ich kein Problem.  Wenn mich Leute ansprechen, erkläre ich Ihnen immer, was ich tue.

Sie hätten im Anschluss der Diagnose auch sagen können: «So, ich ziehe mich aus den Geschäften und der Öffentlichkeit zurück, kümmere mich um meine Gesundheit und lasse die Beine baumeln.» Doch stattdessen boten Sie der Krankheit die Stirn. Was war Ihre Intention dahinter?  

Ich selbst bin der Dirigent meines Lebens. Ich wollte nicht so früh einfach nur rumsitzen, da war ich gerade mal 50 Jahre alt. Da wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile gestorben. Ich liebe meinen Beruf und ich brauche immer Menschen um mich herum. 

Diabetes ist ja nicht ansteckend, also kann man auch Aufklärung betreiben, indem man mit Menschen um sich herum offen darüber spricht.

Glauben Sie, Diabetes ist nach wie vor ein Tabuthema, dessen gesellschaftliche Thematisierung (beziehungsweise Aufklärung) einen grösseren öffentlichen Raum benötigt? (Sich zum Beispiel Politiker mehr dem Thema «gesundheitliche Aufklärung» zur Prävention von Diabetes widmen sollten?)

Absolut. Ich selbst habe einige auch sehr berühmte Freunde mit Diabetes, bei ihnen ist das aus Berufs- und Versicherungsgründen nach aussen ein Tabuthema. 

Das muss man sich mal vorstellen, im Jahr 2016, das ist doch unglaublich, oder? 

Es wird ja schon sehr viel öffentliche Aufklärung, Events etc. betrieben, aber es ist immer noch zu wenig. Auch in den sozialen Netzwerken ist es ein grosses Thema. Aber ob es Politiker schaffen oder sich mit dem Thema auseinandersetzen? Das bezweifle ich sehr. 

Die Krankenkassen und der oder die Gesundheitsminister/-in müssen dringend etwas ändern, zugunsten der an Diabetes erkrankten Menschen. Bei den privaten Krankenkassenpatienten ist das sicher nicht so problematisch, aber für diejenigen, die gesetzlich versichert sind, da ist noch eine ganze Menge zu tun.   

Wieso gehen Sie so offen mit Ihrer Diabetes-Erkrankung um und was raten Sie anderen Betroffenen?

Wieso ich damit so offen umgehe? Weil es keine ansteckende Krankheit ist, das muss nicht tabuisiert werden. Ganz im Gegenteil, Austausch und Gespräche sind fördernd. Ich rate jedem, sich damit auseinanderzusetzen, wie ich selbst mit dem Diabetes leben kann, ohne mich eingeschränkt zu fühlen. 

Ja, auch etwas dagegensteuern gehört dazu. Es gibt ja Beispiele, wo Menschen mit Diabetes wieder gesund geworden sind.  Natürlich hängt das vom jeweiligen Typus ab.

Ich selber rauche seit 15 Jahren nicht mehr, trinke so gut wie keinen Alkohol mehr, treibe ein bisschen Sport, ernähre mich gesünder, aber ab und an esse auch ich mal etwas Süsses und überprüfe täglich meine Beine/Füsse und gehe regelmässig zum Arzt. Das rate ich allen Betroffenen.