«Tanzen tut weh, Tanzen ist Schmerz.» Was sagen Sie zu diesem Zitat?

Von Schmerzen kann wohl jede Tänzerin, jeder Tänzer ein Lied singen. Sie gehören zu unserem Leben dazu und wir lernen schon früh, damit umzugehen.
 

Nicht umsonst bezeichnen viele das Tanzen als Leidenschaft ... das Leiden gehört ebenso dazu wie Gefühle von Freiheit, Leichtigkeit und Glück.
 

Wo zeigen sich typischerweise Schmerzen bei Tänzerinnen und Tänzern?

Das ist sehr unterschiedlich, jeder hat seine individuellen körperlichen Stärken und Schwächen. Bei mir ist es zum Beispiel mein rechter Fuss, auf den ich besonders Acht geben muss. Ich hatte vor etwas mehr als zehn Jahren eine starke Entzündung am Sprunggelenk und musste längere Zeit pausieren.

Seitdem ist der Fuss meine Schwachstelle und ich muss mich besonders gut um ihn kümmern.  Einerseits gehe ich zur Physiotherapie und nehme manuelle Techniken in Anspruch. Andererseits mache ich zu Hause Fussbäder und habe gelernt abzuschätzen, wie weit ich mit dem Fuss arbeiten kann. Ich weiss heute sehr gut, wann mein Körper eine Pause braucht.

Hatten Sie jemals grössere Verletzungen?

Ja! Letzte Spielzeit musste ich relativ lange pausieren, da ich mir eine grössere Verletzung am Fuss zugezogen hatte. Ende Spielzeit 2017, also kurz vor den Sommerferien, verletzte ich mich während eines Gastspieles in Stuttgart.

Die Verletzung wurde nicht richtig diagnostiziert und ich verbrachte meinen Sommerurlaub mit anhaltenden Schmerzen. Nach den Ferien bin ich erneut zum Arzt, der feststellte, dass mein Sprungbein gebrochen war.

Der Heilungsprozess hat sich danach sehr lange hingezogen, sodass ich die halbe Spielzeit pausieren musste. Danach konnte ich erst sehr langsam wieder einsteigen, die Mobilität des Fusses war stark eingeschränkt.

 

Katja Wünsche und Yannick Bittencourt in Bella Figura von Jiří Kylián © Gregory Batardon

Haben Sie in dieser Zeit auch mal mit Ihrer Berufswahl gehadert?

Diese Zeit hat sehr viel Geduld von mir gefordert, ich fühlte mich getrennt von meinem eigentlichen Leben. Gleichzeitig habe ich versucht, die Zeit zu nutzen und mir Gedanken über die Zukunft zu machen.

Schliesslich werde ich irgendwann vor der Entscheidung stehen, was nach meiner Tanzkarriere kommt. Dennoch wollte ich nur eines: Zurück!

Was hat Ihnen geholfen, den Weg zurück zu gehen?

Mein Partner, der übrigens kein Tänzer ist, hat mich während dieser Zeit enorm unterstützt. 

Zudem hatte ich von den Ärzten einen Trainingsplan, mit dem ich langsam wieder ins Training einsteigen konnte. Ebenso stand das Opernhaus hinter mir und gab mir die Zeit, die ich brauchte.

Wann wussten Sie, dass Sie Balletttänzerin werden wollen?

Ich hatte nicht das einschneidende Ballett-Erlebnis, von dem viele Tänzer berichten. Mein Kindheitstraum war es auch nicht, Ballerina zu werden. Ich bin mehr so in den Tanz «reingerutscht». Ich war ein sehr lebendiges Kind und meine Mutter meldete mich fürs Ballett an, damit ich meine Energien loswerden konnte.

Ich habe dann auch gleich den Sprung an die Ballettschule geschafft und hatte von Anfang an Spass dabei. Ich bin sehr glücklich mit meinem Weg.

Was braucht Ihr Körper, damit er auf der Bühne volle Leistung bringen kann?

Einerseits natürlich viel Training. Andererseits ernähre ich mich sehr ausgewogen, esse viel Gemüse und Vollkornprodukte.

Allerdings habe ich, im Gegensatz zu anderen Spitzensportlern, keine bestimmte Diät. Auch neben dem Ballett bin ich gerne aktiv und treibe Sport. Wichtig sind natürlich auch Regenerationsphasen. 

Sie sind 37 Jahre alt. Merken Sie das Alter?

Ja, ich merke Veränderungen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob diese tatsächlich mit dem Alter oder vielmehr mit meiner Verletzungspause zusammenhängen. Jedenfalls merke ich, dass ich noch nicht ganz da bin, wo ich aufgehört habe.

Mein Körper wird schneller müde und ich kann nicht mehr einfach loslegen und mehrere Sachen den ganzen Tag gleichzeitig machen. Ich muss heute intelligenter arbeiten. Die Balance hat sich verändert. Früher habe ich einfach mit dem Körper losgelegt, heute muss ich mehr mit dem Kopf arbeiten und meine Kräfte einteilen. Dennoch möchte ich weitertanzen, solange ich mich gut fühle und solange es gut aussieht …

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Wir starten um 10 Uhr mit dem Training.  Von 11.30 bis 13.30 Uhr haben wir Proben, danach eine Stunde Mittagspause. Von 14.30 bis 18 Uhr geht es wieder mit Proben weiter. Wenn wir abends Vorstellung haben, ist nachmittags frei. Zwei Stunden vor der Vorstellung sind die meisten von uns bereits da, um sich vorzubereiten. Wir gehen in die Maske und wärmen uns auf.

Um Spitzenschuhe ranken sich eine Menge Gerüchte, etwa, dass Tänzer rohes Fleisch als Schoner in die Schuhe legen …

Dass sich jemand Fleisch in die Spitzenschuhe legt, habe ich gehört, aber noch nie gesehen… dennoch hat jeder so seine eigenen Techniken, die Schuhe erträglicher zu machen.

Die einen wickeln sich dünne Putzlappen um die Füsse, andere nutzen Silikonkappen oder packen ihre Füsse in spezielles Polsterpapier. 

Ich mag es lieber, wenn ich nichts im Schuh habe, weil ich dann den direkten Kontakt zum Schuh und einen besseren Kontakt zum Boden habe.

Was raten Sie jungen Mädchen, die den Traum einer Tanzkarriere haben?

Sie sollen tanzen, solange es ihnen Spass macht. Um etwas zu erreichen, muss man hin und wieder auch die Zähne zusammenbeissen und Schmerzen ertragen. Dennoch darf man nie das Schöne des Balletts aus den Augen verlieren. Für mich steht die Freude am Tanzen immer im Vordergrund. 

Katja Wünsche und Lucas Valente in «Winterreise» von Christian Spuck © Gregory Batardon