Frau Hunkeler, wie schafft man nach so einem Schicksalsschlag den Weg ins Leben zurück?
Zu Beginn war es eine schwierige Zeit. Der Unfall änderte mein ganzes Leben auf einen Schlag. Ich hatte mich nie mit diesem Thema auseinander gesetzt und ohne Unterstützung meiner Familie wäre ich bestimmt nicht dort, wo ich heute bin.

Als Rollstuhlspitzensportlerin mit zahlreichen Siegen wurden Sie weltweit bekannt. Wie kam es, dass Sie sich dem Sport zuwandten?
Während der Rehabilitation im Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil hatte ich Möglichkeiten viele Sportarten auszuprobieren. Dies war auch ein Teil des Reha-Trainings für den allgemeinen Alltag. Ich merkte, dass mich vor allem der Rennrollstuhl faszinierte. Es dauerte dann aber noch gut zwei Jahre, bis ich wirklich mit dem Sport begonnen habe.

Der Spitzensport hat sich dann so ergeben?
Ja, denn zu allererst war es für mich einfach nur schön, wieder in die Natur zurückzukehren. Ich habe bis heute Freude und Spass an der Bewegung. Als ich dann begann die ersten Wettkämpfe zu bestreiten, merkte ich schnell, wie viel ich mit einem regelmässigen Training erreichen kann.

Wenn Sie an ihren ersten Wettkampf denken, welche Gefühle kommen Ihnen in den Sinn?
Dies war während meinem sechsmonatigen Sprachaufenthalt in Tampa (Florida). Vor dem Start war ich unbeschreiblich nervös, links und rechts waren meine Konkurrentinnen, die ich nicht kannte und auch die Strecke war mir völlig fremd. Diese Moment werde ich nie vergessen.

«Schön» und «schnell», diese ­Attribute werden im Zusammenhang mit Ihrer Person oft genannt. Schmeichelt Ihnen das?
Mittlerweile kann ich es mit Humor nehmen. Anfangs fand ich es aber nicht so ­lustig.

Eine glückliche Ehe, ­sportliche Erfolge, eine kleine Tochter, ­öf­fentliche Anerkennung. Das sieht nach einem perfekten Leben aus. Gibt es Momente, in denen sie doch mit Ihrem Schicksal hadern?
Es gibt nur sehr wenige Momente, in denen ich noch nachdenklich werde. Ich habe ­einen Weg eingeschlagen, der mich glücklich und zufrieden macht. Warum soll ich hadern, wenn ich es nicht ändern kann? Viele gesunde Menschen sind im Herzen behindert, weil sie beispielweise ihre Träume nicht verwirklichen. Meine Gefühle­ haben­ sich durch den Unfall nicht verändert, auch ich habe gute und ­schlechte ­Tage.

Sie leben mit Ihrem Mann Mark Wolf, einem ehemaligem Unihockey-Profi, seit elf Jahren zusammen. Seit bald elf Monaten sind sie Eltern der kleinen Elin. Wo kommen Sie als Mutter an Ihre Grenzen?
Auch wenn ich im Rollstuhl sitze, gibt es nicht mehr oder weniger Grenzen, die auch andere Mamis haben. Ich brauche einfach etwas mehr Zeit, aber dies war mir von Beginn an bewusst und ich empfinde es nicht als Grenze.

Trainieren Sie noch regelmässig?
Ja, ich trainiere seit Anfang Jahr wieder regelmässig. Das heisst, fünf bis zehn Einheiten in der Woche. Während dieser Zeit ist Elin meist in der Obhut bei meiner Mutter oder bei Mark.

Haben Sie sonst im Alltag Hilfe?
Wir führen als Familie einen selbständigen Haushalt. Aber ohne Unterstützung von unserem Umfeld wäre es nicht möglich, alles alleine zu schaffen.

Sie haben sich trotz Ihrer ­Be­hinderung verwirklicht und Ihr Glück gefunden. Was raten Sie ­anderen ­Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen für ein Leben «danach»?
Es ist unheimlich schwierig, jemandem Ratschläge zu erteilen. Grundsätzlich muss jeder alleine seinen Weg finden. Wichtig ist, dass man Menschen um sich herum hat, die einem zu hören, vertrauen und ­unterstützen.

Sie sagen, der Rollstuhl ist ein Teil von Ihnen. Wie lange hat es ­gedauert, bis Sie das sagen ­konnten?
Es hat schon eine Weile gedauert, bis ich dies ohne zu zögern sagen konnte. Aber der Rollstuhl ermöglicht mir, mich in der Gesellschaft zu integrieren und selbständig zu sein.

Fühlen Sie sich durch Ihre sportlichen Erfolge privilegiert, auch finanziell?
Mit meiner Sportart wird man nicht reich. Ich habe nebenbei immer gearbeitet, um mir den Sport leisten zu können. Er macht mir Freude, gibt mir Kraft, hält mich fit und hat mir auch eine neue Welt eröffnet.

… und viel Anerkennung und Akzeptanz eingebracht.
Bestimmt hat es mir Anerkennung eingebracht. Aber das sollte auch Teil eines jeden anderen Jobs sein. Wer wünscht sich nicht anerkannt und akzeptiert zu werden?

Spielen Sie mit dem Gedanken ­Ihre Sportlerkarriere zu beenden?
Mein Ziel sind die Paralympics 2012 in ­London. Danach entscheiden wir weiter.