Alain Rack* hält den Kopf gesenkt. Er spricht mit ruhiger, gedämpfter Stimme. Die Hände sind vor dem Mund zusammengefaltet, er öffnet sie nur, um sich dann und wann einen Schluck Mineralwasser zu gönnen oder um an seiner Wollmütze herumzuzupfen. Das Gespräch findet in der hintersten Ecke einer Stadtzürcher Beiz statt. Morgens um halb zehn. Die Frühstücksgäste sind schon weg, die Mittagsgäste noch nicht hier, wir sind allein. «Alles ist weg, alles. Mein Leben ist kaputt», beginnt der 32-jährige Zürcher. «Meinen Job habe ich verloren, meine Frau ist mir davongelaufen und unsere Tochter hat sie gleich mitgenommen.» Müssig zu erwähnen, dass er pleite ist. Rack schüttelt den Kopf, füllt seine Wangen mit Luft und pustet lange aus.
 

Bier, Snacks, Zocken
Ein scheinbar perfektes Leben. Rack wohnt mit seiner Frau, die er vor vier Jahren geheiratet hat, und der zweijährigen Tochter in Zürich-Wiedikon. Er ist als Händler bei einem erfolgreichen Immobilienmakler tätig. Als 2006 hierzulande der Poker-Hype ausbricht, geht dieser unbemerkt an ihm vorbei. Erst knapp drei Jahre später lässt sich Rack vom Kartenspiel faszinieren. Fast jede Woche organisieren seine Kumpels und er daheim einen Männerabend. Bier, Snacks, Zocken. Einsatz: zwanzig Franken. Im Vordergrund steht der Spass.

Doch das befriedigt Rack schon bald nicht mehr. Rack will mehr. Kauft sich Fachliteratur, um seinen Horizont über das Kartenspiel zu erweitern. «Pokern ist kein Glücksspiel. Glück ist wie Menschenkenntnis eine kleine Komponente, aber je mehr man über das Spiel weiss, umso mehr hat der Erfolg mit Mathematik, genauer gesagt mit Statistik, zu tun», erklärt Rack. Pokern um zwanzig Franken – dafür lohnt sich sein angereichertes Wissen nicht. Der Immobilienhändler will sich mit den grossen Fischen messen.
 

Aufwärmen mit Roulette
Im Casino spielt er mit viel höherem Einsatz. Beginnt mit vierhundert Franken, bald sind es tausend, später zweitausend. «Mit vierhundert Franken hat man es schwierig, wenn man gegen Spieler antritt, die mit viel mehr Geld am Tisch sitzen.» Immerhin zahlt sich das Risiko aus. «Man darf nie nur einen einzelnen Abend anschauen. Mal gewinnt man, mal verliert man. Was zählt, ist die Bilanz eines ganzen Jahres. In meinem ersten Jahr gewann ich total knapp viertausend Franken.»

«Die Runde war deutlich jünger als im Casino», erinnert sich Rack. «Das Niveau vielleicht etwas tiefer. Aber der Einsatz gleich hoch.


Für dieses Geld sitzt Rack zu Beginn einmal pro Woche – von seiner Frau abgesegnet – im Casino, dann zweimal, bald dreimal. Die Pokerrunde beginnt gegen halb neun Uhr. «Wenn ich schon früher da war, wärmte ich mich beim Roulette und Blackjack auf.» Kurz vor vier Uhr endet das Pokerspiel. Oder doch nicht? «Nach einem halben Jahr kam ein Spieler zu mir und fragte mich, ob ich nach Spielschluss noch weiterzocken möchte. Ich zögerte, denn ich wusste, dass das Spiel ausserhalb des Casinos um höhere Beträge nicht legal ist. Schliesslich siegte meine Neugier.» Oder war es die Spielsucht?

Pokern beim Coiffeur
Mit seinem Auto folgt er demjenigen des Poker-Kollegen, auf dem Parkplatz eines Coiffeursalons parkt er. Vorbei an Waschbecken, Haarsprays, Scheren und Lockenwicklern gelangt Rack in die Küche des Friseurs. Da staunt er erstmals. Nicht etwa ein Küchentisch steht da, sondern ein Pokertisch, genau wie im Casino. «Die Runde war deutlich jünger als im Casino», erinnert sich Rack. «Das Niveau vielleicht etwas tiefer. Aber der Einsatz gleich hoch.» Klingt lukrativ. Doch irgendwie kommt er nicht in die Gänge. Wenn er gewinnt, gewinnt er wenig. Wenn er verliert, verliert er viel.


«Da kam das Kokain ins Spiel»
Rack ist genervt, im Stolz gekränkt. «Ich sagte mir: ‚Geduld bringt Erfolg, ich bin ja besser als die anderen.’ Doch der Erfolg kam nicht.» Der Grund ist Rack erst heute klar: Je mehr Geld er verliert, umso schlechter spielt er und umso grösseres Risiko nimmt er auf sich. In der Nacht am Zocken, am Tag im Büro – wie macht der Körper das über längere Zeit mit? «Anfangs war es kein Problem. Doch als dann am Wochenende Sessions von bis zu 16 Stunden dazukamen, liess die Konzentration nach. Da kam das Kokain ins Spiel. Und schon bald ging ohne Koks nichts mehr.»


Kredit mit Wucherzins
Allmählich ist Rack knapp bei Kasse und bittet seinen Arbeitgeber, unter dem Vorwand, ein neues Auto kaufen zu müssen, um Lohnvorschuss. Der wird ihm gewährt, doch sein Chef wird misstrauisch und lädt ihn kurz darauf zum Gespräch ein. «Er warf mir sinkendes Engagement vor und meinte, ich wirke blass. Er bot mir Hilfe an, falls er etwas für mich tun könnte, und warnte mich gleichzeitig, dass er diesen Zustand nicht lange tolerieren könne. Doch ich Idiot ignorierte auch diesen Warnschuss.»

Drei Monate und zwei Verwarnungen später muss er seinen Arbeitsplatz räumen. Rack steht auf der Strasse. Jetzt wirds eng, weiss er. Doch sein Stolz ist noch zu gross. Er verschweigt seiner Frau alles, geht weiter morgens aus dem Haus, als würde er zur Arbeit gehen. Um die monatlichen Rechnungen bezahlen zu können, nimmt er beim Betreiber der illegalen Pokerrunde Kredit auf. «Der Zins ist horrend. Ich musste innerhalb eines Monats 120 Prozent zurückbezahlen. Nahm ich fünftausend Franken auf, musste ich sechstausend zahlen. Das ist crazy, Stress pur.»


Die Beichte zu Hause
Der Stress kommt. Nur zwei Monate nachdem Rack den Job verliert. Beim Pokern gehts bachab, die Schulden würgen. Noch eine Woche, dann muss er achttausend Franken aufgetrieben haben. Aussichtslos. «Meine Frau zwang mich zur Beichte, ich erzählte ihr alles.» Doch Rack scheint die richtige Frau an seiner Seite zu haben: Am Morgen nach der Beichte liegen auf seinem Nachttisch acht Tausendernoten.
«Ich brachte das Geld vorbei und verabschiedete mich. Ich ging nach Hause und wollte meine Frau um Verzeihung bitten. Doch sie war weg. Ihr Schrank war leer, der unserer Tochter auch.» Rack sackt auf seinem Bett zusammen, weint bittere Tränen. «Frau weg, Tochter weg, Job weg, Geld weg.»


Kein Happy End
Ein halbes Jahr ist vergangen, seit das Kartenhaus zusammenfiel. Seine Frau ist nicht zurückgekehrt, seine Tochter sieht er fast jede Woche einmal. Mittlerweile arbeitet Rack als Kellner und wohnt mit einem ehemaligen Schulfreund in einer WG. Vom Kokain hat er sich erst kürzlich gelöst. «Ich habe alles falsch gemacht. Meine Spielsucht hat mein Leben aufgefressen. Nachdem ich den Nullpunkt erreicht habe, kann es jetzt nur noch aufwärts gehen. Ich gehe wöchentlich zur Therapie, dieses Gespräch ist für mich Teil der Aufarbeitung.»

Auch wenn Rack noch lange nicht geheilt ist, gelobt er, nie mehr an den Pokertisch zu sitzen. «Offenbar schaffe ich es nicht, einfach gemütlich zu spielen, sondern verfalle zu schnell dem Reiz des grossen Geldes.» Für Casinobesuche hat er sich landesweit sperren lassen. Rack lächelt scheu, lehnt sich zurück und sagt: «Sorry, das gibt wohl kein Happy End für eure Geschichte.»

* Name der Redaktion bekannt

 


 

Poker – Glücksspiel oder nicht?

 

Die allermeisten Pokerspieler sind sich sicher: Zumindest die klassische Variante «Texas Hold’em» ist ein Geschicklichkeitsspiel und kein Glücksspiel. Auf Dauer setzt sich Kompetenz gegen Glück durch. Keine Frage: Wenn Hans Muster eines Abends Poker spielen geht, ist er ein Glücksspieler. Auch wenn er von da an jahrelang pokern geht, bleibt er ein Glücksspieler, wenn er Poker nicht richtig spielt. Wer Poker aber richtig spielt, riskiert sein Geld nur in Momenten, in denen die Gewinnchancen so gut stehen, dass man in den meisten Fällen gewinnt. Im einzelnen Fall kann der Spieler dann sein Geld zwar verlieren, auf Dauer aber wird er gewinnen.

Das macht die Komplexität des Spiels aus. Der Pokerspieler spielt im Gegensatz zum Roulette- oder Blackjack-Spieler nicht gegen die Bank, sondern gegen andere Menschen, die mit unterschiedlicher Kompetenz ausgestattet sind. Ist Poker nun also ein Glücksspiel oder nicht? Ja – für den Normalbürger. Nein – für den gelernten Pokerspieler. Aber Achtung: Glücksspiel hin oder her – auch bei guten Pokerspielern ist das Suchtpotenzial riesig. Und wehe dem Pokerprofi, dessen Pechsträhne zu lange anhält.

Poker bei Olympia?
Die Frage «Glücksspiel oder nicht?» entscheidet darüber, ob das Pokerspiel ausserhalb von Casinos zulässig ist oder nicht. Derzeit lässt das Schweizer Gesetz keine Pokerturniere ausserhalb der Casinos, die eine staatliche Konzession besitzen, zu. Notabene müssen die Casinos einen grossen Teil ihrer Umsätze dem Bund abgeben (Abgabe 2011: 419 Millionen Franken). Der Gesetzgeber profitiert also direkt von seinem Entscheid.

Glücksspiel oder nicht – das fragte sich auch das Internationale Olympische Komitee. 2010 entschied es, Poker zu den Geschicklichkeitsspielen zu zählen und damit auf eine Stufe mit Schach und Bridge zu heben. Wird Poker eines Tages gar olympisch? Vielleicht. Mit ein wenig Glück.