Herr Klitschko, wie belastend ist es eigentlich, der «Champ» zu sein? Mit dem Titel sind viele Erwartungshaltungen verbunden, viele Menschen hängen von Ihrer High Performance ab.

Champ zu sein, trägt ja an und für sich etwas Positives in sich. Es war immer mein Ziel, Champion zu sein, und es war ein sehr angenehmes Gefühl, als ich damals das erste Mal Champ genannt wurde. Ich hatte immer Spass daran, denn es ist ein Titel, den nicht jeder bekommen kann. Nicht jeder wird so genannt.

Mit dem Titel erhöht sich allerdings auch die Verantwortung, weil man unter Beobachtung steht und alles, was man tut und sagt, genau analysiert und hinterfragt wird. Daran habe ich mich schnell gewöhnt.

« Ich verbringe mehr Zeit in meinem Leben als Mensch, also als Bruder, Vater, Sohn und Freund, denn als Champ »
Champ zu sein, hat jedoch auch eine andere Seite. Ein endloser und permanenter Druck erzeugt Nebenwirkungen. Manchmal will man aus der «Champ-Haut» heraus und einfach zu sich selbst finden, denn schlussendlich ist der Champ das, was die Leute draussen sehen und wie andere einen einschätzen, nicht wer man wirklich ist.

Hinzu kommt, dass je länger Sie den Titel tragen und je häufiger Sie ihn verteidigen müssen, desto grösser werden Erwartungen und Druck. Ich selbst habe mich jedoch eh nie als Champ empfunden. Für die Menschen draussen ist es ein verantwortungsvoller Begriff, ein Idol und ein Stereotyp, ein Image. Ich persönlich habe mich nie als Champ gesehen. Ich bin, wer ich bin, Wladimir Klitschko.

Mit dieser Person verbinde ich zum Beispiel Geborgenheit, meine Familie, meinen Freundeskreis und meinen Alltag. Ich verbringe mehr Zeit in meinem Leben als Mensch, also als Bruder, Vater, Sohn und Freund, denn als Champ.

Wie gehen Sie heute ganz allgemein mit Stress-Situationen um? Was ist Ihr Ausgleich?

Durch Abwechslung versuche ich, erst gar keinen negativen Stress aufkommen zu lassen. Wenn ich von einer Tätigkeit müde geworden bin, muss ich auf eine andere Tätigkeit umsteigen. Wenn ich zum Beispiel doziere, habe ich Pause vom Boxen. Wenn ich mit der Wissenschaft zu tun habe, bewege ich mich in einem anderen Feld.

Das hilft, nicht müde vom Sport zu werden und Stress zu vermeiden. Wenn ich dann doch mal unter Stress stehe, höre ich stark auf mein Bauchgefühl. Ich mache Sport, um den Kopf freizubekommen, spiele mit meinem Neffen Schach und bin bei meiner Familie.

Dass Abwechslung Stress vermeidet, hat mir übrigens meine Oma beigebracht. Es gab damals eine Situation, dass ich müde von meinen Mathe-Hausaufgaben war und dadurch keine Lust mehr hatte, noch irgendwas zu tun, geschweige denn Mathe zu Ende zu bringen. Ich war frustriert und wollte nicht mehr.

Sie fragte mich, ob ich noch mehr zu machen hätte, und ich sagte: «Auch noch Geografie und eine Fremdsprache.» Dann erklärte sie mir, dass ich erst 20 Minuten Mathe machen solle, dann 20 Minuten Geografie und dann 20 Minuten die Fremdsprache und dann sollte ich wieder mit Mathe beginnen.

Wenn sie müde vom Bügeln sei, setze sie eine Maschine Wäsche auf und dann würde sie noch den Boden wischen. Danach könne sie auch wieder bügeln. Es ist quasi das Prinzip der proaktiven Abwechslung, das ich bis heute in all meinen Lebensbereichen berücksichtige, um Stress zu vermeiden.

Wir sollten auch nicht vergessen, dass Stress in sich etwas Positives trägt. Es macht uns fitter, wachsamer, besser. Wir werden nur besser, wenn wir herausgefordert werden. Durch Stresssituationen regeneriert der Körper, die Zellen tauschen sich aus, wir trennen uns von negativen Dingen.

Stress ist eine natürliche Säuberung von Körper und Geist. Wer jedoch zu viel Stress hat und wem die Harmonie fehlt, erzeugt Negativwirkung. Es ist vergleichbar mit dem Gift der Schlange. Ein wenig davon heilt Krankheiten. Wenn es zu viel ist, ist es tödlich.

Sie führen Ihr Burnout von 2003 auf den verlorenen Kampf gegen Corrie Sanders zurück. Als Athlet sind Sie gewohnt, Ihren Körper ständig auf hohem Niveau zu trainieren und mental grossen Stress auszuhalten. Wenn Sie sich an 2003 zurückerinnern, gab es schon Anzeichen vor dem Kampf gegen Sanders, dass Körper und Geist nicht auf dem gewünschten Niveau waren?

Das Burnout, diese riesige Erschöpfung, war vor meinem Kampf, in der Vorbereitung. Ich war demotiviert, wieder in die Vorbereitung zu gehen und wieder das Gleiche zu machen, im gleichen Hamsterrad zu drehen. Ich war mental müde, mich zu konzentrieren, zu motivieren und körperliche Leistung zu bringen.

Auf meinem Weg in den Ring habe ich nur daran gedacht, dass ich meinen Gegner gleich in der ersten Runde umhaue, um dann umgehend in den Urlaub zu fahren. Es waren grundsätzlich komplett falsche Gedanken.

Sie wurden von Sanders in der zweiten Runde ausgeknockt. Damals überlegten Sie, die Box-Handschuhe an den Nagel zu hängen. Würden Sie sagen, Sie hatten Anzeichen einer Depression?

Vor dem Sanders-Kampf nicht, nein. Ich hatte zu einem späteren Zeitpunkt zwei Wochen lang eine depressive Phase, keine Depression. Deswegen glaube ich jedoch, dass ich mir gut vorstellen kann, was eine Depression bedeutet. Vor meinem Kampf gegen Mariusz Wach habe ich eine Nasennebenhöhlenentzündung bekommen. Keime haben sich in der linken Kopfhälfte gesammelt und sich entzündet. Ich war debalanciert. Alles, was in unserem Kopf passiert, beeinflusst ja auch unsere Wahrnehmung.

« Alles, was in unserem Kopf passiert, beeinflusst ja auch unsere Wahrnehmung. Damals habe ich zum ersten Mal erfahren, dass depressive Stimmungen die Nebenwirkung einer Nebenhöhlen- entzündung sein können »

Damals habe ich zum ersten Mal erfahren, dass depressive Stimmungen die Nebenwirkung einer Nebenhöhlenentzündung sein können. Zudem ist mein Trainer Emanuel Steward gestorben. Ich war bereits im Camp und musste trainieren, hatte aber keinen Coach.

Es gab gefühlt keinen Ausgang aus dieser stressigen Situation. Schon das war eine riesige Herausforderung und dann kamen die gesundheitlichen Umstände dazu, die dich, statt zu motivieren, demotivieren. Ich musste Antibiotika nehmen und hatte dadurch keine Kondition, weil das Antibiotikum alles gekillt hat. Unter diesen Umständen musste ich performen, dann noch ein Musical promoten etc. und war zum ersten Mal in meinem Leben zwei Wochen lang deprimiert.

Wie fiel Ihrem Umfeld auf, dass Sie nach dem Sanders-Kampf nicht so schnell wieder auf die Beine kamen? Inwiefern hatten Sie sich verändert?

Viel wichtiger ist es, dass es einem selbst auffällt, weil nur man selbst etwas dagegen tun kann. Und ich wusste, ich muss etwas verändern. Im Grunde genommen war die Zeit des Burnouts der Auslöser dafür, mich selbstständig zu machen. Denn mein Promoter war es, der damals den Rhythmus meiner Kämpfe vorgegeben hat. Ich hatte eine Pflichtverteidigung im Dezember und hatte nur gekämpft und gekämpft und gekämpft.

Der nächste Kampf war aber schon wieder für den 8. März angesetzt. Und schon kurz nach dem Kampf im Dezember war ich gleich wieder in der Vorbereitung auf den März-Kampf. Ich habe meinen Promoter damals um eine längere Pause gebeten, aber er versprach mir nur einen einfachen Gegner, den ich in der ersten Runde umhauen würde. Wir wissen, es kam anders.

Ich hatte auf diese Entscheidungen damals keinen Einfluss. Auch, dass die Rückkampfklausel im Vertrag fehlte, lag nicht in meiner Hand. Alles Punkte, die mich nach dieser schweren Zeit dazu motiviert haben, meine Karriere selbst zu bestimmen und mich mit K2 Promotions selbstständig zu machen. Wie Sie sehen, ist etwas sehr, sehr Gutes aus dieser schwierigen Zeit entstanden. Es war der erste Schritt in die Selbstständigkeit und der erste Baustein für meine Karriere nach der Karriere.

Wann dachten Sie das erste Mal selbst, die Niederlage könnte sich in ein Burnout auswachsen?

Ich hatte das Burnout in meiner Vorbereitung auf den Kampf, also davor, nicht danach. Ich wusste, ich brauche eine Pause, die mir aber nicht gegeben wurde. Ich habe trainiert wie immer, habe alles gemacht wie immer.

Körperlich war ich fit, aber nicht mental. Auf meinem Weg in den Ring habe ich nur an einen entspannten Urlaub gedacht und daran, wie ich Sanders schnell K. o. schlage. Das war das erste Mal, dass ich so etwas bei mir bemerkt und gespürt habe, und ich habe es seitdem nie wieder gehabt.

War es schwierig, sich das Burnout einzugestehen – mit anderen Worten, verdrängt man als Spitzensportler dies zuerst und sucht nach anderen Ursachen?

Ich habe erst im Nachhinein verstanden, was ich gehabt habe und durch was ich da durchgegangen bin. Mir war bewusst, dass ich müde und demotiviert bin und eine Pause brauche. Mir das einzugestehen, fiel mir nicht schwer.

Deswegen habe ich den Promoter damals nach einer Pause gefragt, nur leider nicht bekommen. Ich sehe es als Stärke an, auf seinen Körper zu hören und ihm das zu geben, was er benötigt.

Wie haben Sie sich aus diesem Tief wieder rausgekämpft? Wer war massgeblich daran beteiligt, dass Sie zur alten Form zurückfanden?

Keiner, nur ich selbst, denn ich bin die bewegende Kraft. Zudem hat die Niederlage neue Kräfte freigesetzt. Ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte, und war motiviert, zurückzukommen und mich zu rehabilitieren.

Das Burnout kam in einer Zeit, als Sie 15 Kämpfe in 12 Monaten bestritten. Was raten Sie Boxern: Wie viele Kämpfe sind zu viel?

Das war zu Beginn meiner Karriere, nicht zu Zeiten meines Burnouts. Für mich waren die Kämpfe nicht zu viel. Ich war season fighter, also habe ich immer wieder gekämpft. Jeder muss das jedoch für sich selbst entscheiden.

Dabei ist es wichtig, immer wieder in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Schaffe ich das noch oder mache ich lieber eine Pause? Das ist bei Spitzensportlern jedoch nicht anders als bei allen anderen Berufstätigen auch.

Wenn Geist oder Körper nach einer Pause rufen, ist es wichtig, sich diese zu nehmen, dieses Eingestehen nicht als Schwäche anzusehen, sondern als Stärke. Es ist gut zu wissen, wo die eigenen Grenzen liegen.

Wie lange dauerte die «Kampfpause», bis Sie sich wieder ganz fit und gesund fühlten?

Ende August stand ich wieder im Ring.

Was gibt Ihnen diese Erfahrung heute, was haben Sie daraus gelernt? Inwiefern haben Sie Ihr Verhalten und Ihren Lebensstil nach diesem Einschnitt angepasst?

Ich bin die bewegende Kraft und ich habe mein Leben selbst in der Hand. Niemand anders kann mir sagen, was gut für mich ist und was ich sein lassen sollte.

Die Klitschko Management Group und das Institut für Customer Insight führen an der Universität St. Gallen den Lehrgang des «CAS Change & Innovation Management» weiter. Fliessen in Ihre Ausführungen auch die ganz persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Stress und Belastung mit ein?

Natürlich. Ich habe diesen Weiterbildungsstudiengang ja initiiert, um meine Erfahrungen weiterzugeben, und dazu gehören auch die Erfahrungen im Umgang mit Stress und Druck. Zum Beispiel vermittle ich den Teilnehmern, dass es wichtig ist, immer das Gegenteil von dem zu tun, was das Umfeld einem bietet.

Je mehr Stress herrscht, desto ruhiger sollte man werden. Je grösser der Druck von aussen, desto ruhiger bin ich innen. Harmonie ist das ausschlaggebende Stichwort. Harmonie von Innen und Aussen, von Brain und Power, von Anspannung und Entspannung.

Hierfür gibt es Methoden, die erlernbar sind. Das Besondere an dem Weiterbildungsstudiengang ist, dass es ein Zusammenspiel der renommierten Professoren der Universität St. Gallen mit Praxis-Experten aus meinem Umfeld ist. So bieten wir natürlich auch ein Modul Resilienz-Management an, weil es im Rahmen des Selbst- und Challenge-Managements unerlässlich ist.

Ich bin sehr stolz darauf, dass wir mit Dr. Miriam Goos, die viel auf dem Gebiet der Neurologie geforscht hat, jemanden als Praxis-Expertin an unserer Seite haben, die das Burnout nicht mehr behandeln, sondern ihm vorbeugen will. Und sie gibt unseren Teilnehmern Methoden an die Hand, wie sie erst gar nicht in ein Burnout hineingeraten.

Ihr Kompetenzzentrum für Intrapreneurship erforscht Methoden des Selbst- und Challenge-Managements. An der Uni werden künftige Manager und Unternehmer ausgebildet. Welches ist die Hauptbotschaft, die Sie in Ihrem Lehrgang vermitteln, wie mit konstantem Leistungsdruck umzugehen ist?

Wie bereits gesagt: Sorgen Sie für Harmonie. Und denken Sie daran: Sie sind die bewegende Kraft. Es kommt niemand und verändert Sie. Nur Sie selbst haben es in der Hand.

Resilienz ist eines der Themen, die bei Ihrem Zertifikatsprogramm beim Selbst-Management in Bezug auf Ungewissheit und Komplexität behandelt werden. Inwiefern ist genau das wichtig?

Ohne Auszeiten kein nachhaltiger Erfolg. Es geht nicht nur darum, Körper und Geist eine Pause zu gönnen. Nur in Auszeiten haben wir überhaupt die Chance zur Reflexion, zurückzublicken, Dinge anzupassen, besser zu machen und natürlich auch neue Kräfte zu sammeln. Das gelingt uns nicht in Zeiten der Anspannung. Nur die Harmonie von Anspannung und Entspannung lässt uns nachhaltig erfolgreich werden.

Die Teilnehmer Ihres Lehrgangs lernen, eine Krisensituation zu analysieren und Strategien zur Bewältigung von Krisen zu entwickeln. Zusammengefasst: Wie schwierig ist es, erkennen zu können, dass man selbst in einer Krise steckt? Auf welche Hinweise von Körper und Geist sollte man unbedingt achten?

Das eigene Körpergefühl, das Wissen um seine Schwächen und Stärken, was wichtig für einen ist und was man will, ist meiner Meinung nach Erfahrungssache. Niemand anders kann eine bessere Diagnose stellen als man selbst. Doch das benötigt eben Lebenserfahrung und zudem eine Form mentaler Stärke, gerade wenn man sich eingestehen muss, dass man es nicht mehr alleine schafft, sondern Hilfe von aussen benötigt. Doch nochmal: Sie sind die bewegende Kraft!