Der Medizinpionier Andreas Grüntzig wurde 1939 in Dresden geboren. Seine Erfindung, der Ballonkatheter, hat die Medizin und die Behandlung des Herzinfarktes revolutioniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er seinen Vater verlor, war Grüntzig mit seiner Familie für kurze Zeit nach Argentinien emigriert.

Sie kehrten jedoch 1951 in die neue DDR zurück, wo er die Thomasschule in Leipzig besuchte und 1957 nach Westdeutschland flüchtete. Nach dem Abschluss des Medizinstudiums in Heidelberg 1964 arbeitete Grüntzig an verschiedenen Kliniken, am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin in Heidelberg und auch am St. Thomas’ Hospital in London.

«Nur Grüntzigs Hartnäckigkeit hat die Medizin es zu verdanken, dass sich seine Erfindung durchgesetzt hat und die Sterblichkeit beim Herzinfarkt drastisch gesunken ist.»

Wirken in der Schweiz

Nach Zürich kam Grüntzig Ende 1969, wo er am damaligen Kantonsspital in der Inneren Medizin begann und später auf die Angiologie, Radiologie und Kardiologie wechselte. In dieser Zeit entwickelte er seinen berühmten Ballonkatheter, mit dem sich verstopfte Blutgefässe wieder öffnen lassen.

Bis 1975 wurden alle Katheter in Grüntzigs Küche zu Hause handgefertigt. Die industrielle Produktion übernahm danach die Medizinaltechnikfirma Schneider Medintag AG in Bülach (heute Biotronik). 1974 wurde die Methode erstmals an Beinarterien angewandt.

Der erste Eingriff am Herzen erfolgte heute vor 40 Jahren, am 16. September 1977: Grüntzigs erster Herzpatient Bachmann war nach der Behandlung mit der revolutionären Ballonkatheter-Methode schlagartig seine Angina pectoris los.

Unterstützung und Anerkennung erst in den USA

Begeistert von seinem Gelingen, reisten schon bald Ärzte aus aller Welt an, um von Grüntzig die Ballondilatation zu erlernen. Unter der Zürcher Kollegenschaft stiess Grüntzig jedoch mit seiner Erfindung von Beginn weg auf Neid und Widerstand, weshalb er 1980 schliesslich als Professor an die Emory University in Atlanta wechselte.

In den USA, wo man das medizinische und wirtschaftliche Potenzial der neuen Methode früh erkannte und Grüntzig tatkräftig unterstützte, wurde der  Kardiologiepionier weltberühmt, doch starben er und seine zweite Frau fünf Jahre später bei einem Flugzeugabsturz.

Der Ballonkatheter

Von den Anfängen bis heute

Die Grundidee des Ballonkatheters ist so einfach wie genial. Dennoch hatte der Medizinpionier Andreas Grüntzig bei der Etablierung seiner Methode gegen grossen Widerstand zu kämpfen.

Inspiriert durch die harmlose Frage eines Patienten, ob man seine Arterien nicht einfach «durchputzen» könne, anstatt eine schwierige Bypass-Operation vorzunehmen, entwickelte Grüntzig in den Siebzigerjahren während seiner Zeit am damaligen Kantonsspital Zürich die Techniken seiner Ärztevorgänger Forssmann, Seldinger, Dotter, Sones, Judkins und Zeitler weiter: «Er kombinierte die verschiedenen Methoden und Kathetertypen, indem er einen Katheter mit einem kleinem Ballon an der Spitze mittels Gefässpunktion am Herz einführte und durch Druck entfaltete, um die Engstelle in der verstopften Herzkranzarterie von innen aufzudehnen», so PD Dr. Gregor Leibundgut, Leiter des Herzkatheterlabors der Medizinischen Universitätsklinik Baselland in Liestal. Die Entwicklung des Ballonkatheters fand zu Hause an Grüntzigs Küchentisch mit Unterstützung, seiner Ehefrau Michaela und seiner Mitarbeiterin Maria Schlumpf und ihres Ehemannes Walther statt, da ihn seine Vorgesetzten bei seiner Forschung nicht unterstützten.

Neid und Missgunst in den eigenen Reihen
Die Bedeutung von Grüntzigs Innovation wurde in Zürich deutlich unterschätzt. Die Methode, die heute jährlich millionenfach und weltweit an Spitälern erfolgreich praktiziert wird, wurde anfangs belächelt, verhöhnt und kritisiert.

«In der Kardiologie, wohin er 1973 aus der Angiologie gewechselt hatte, um sich den Herzkranzgefässen zu widmen, bildete sich eine Ablehnungsfront gegen ihn», so Leibundgut.

«Grüntzig wurde von seinen eigenen Chefärzten systematisch gemobbt und in seiner Arbeit behindert. Sämtliche Korrespondenz zur Ballondilatation musste er alleine ohne Sekretärin erledigen, Betten für seine Patienten wurden ihm nur kurzfristig zugeteilt, in Zürich verstarben Patienten wegen der langen Wartezeiten noch vor dem Eingriff», ergänzt er. «Die heftigsten Kritiker waren in Zürich und machen es jetzt selber», würde Grüntzig später einmal sagen.

Der Eingriff heute
Nur Grüntzigs Hartnäckigkeit und der grossen Unterstützung, die er schliesslich in den USA erfuhr, hat die Medizin es zu verdanken, dass sich seine Erfindung durchgesetzt hat und die Sterblichkeit beim Herzinfarkt drastisch gesunken ist.

Nach Grüntzigs Tod entwickelten andere Leute seine Technik weiter. Heute setzen die Ärzte die Ballonkathetermethode nicht nur an den Herzkranzgefässe, sondern bei jeglicher Art von Gefässverschlüssen ein. Dabei verwenden sie in Kombination meist stabilisierende Gitter (Stents), die einen neuen Verschluss der Blutgefässe verhindern sollen.

Inzwischen gibt es feinste Führungsdrähte, die bis in die äusserte Peripherie von Gefässen eingeführt werden können. «Das war zu Grüntzigs Zeiten unvorstellbar», so Leibundgut. Obwohl es mittlerweile unterschiedlichste Ausführungen des Ballonkatheters gibt (dünn, doppelschichtig, medikamentenbeschichtet und so weiter), hat sich am technischen Prinzip von Grüntzigs Eingriff bis heute nichts geändert.