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Zur Person: Der deutsche Arzt und Wissenschaftler Andreas Grüntzig hat in den 1970er Jahren in Zürich weltweit bahnbrechende Pionierleistungen auf dem Gebiet der Herz- und Gefässmedizin vollbracht.

Der von Grüntzig entwickelte Ballonkatheter erlaubt die nichtoperative Eröffnung von verengten oder verschlossenen Blutgefässen. Die Ballondilatation ist heute der am häufigsten durchgeführte medizinische Eingriff überhaupt.

Auch den Laser-Pointer hat Grüntzig erfunden. Bereits 1978 wurde der aussergewöhnliche Mediziner für den Medizin-Nobelpreis vorgeschlagen. Diesen hätte er irgendwann wohl auch erhalten, wäre er nicht 1985, im Alter von nur 46 Jahren, bei einem Flugzeugabsturz vorzeitig ums Leben gekommen.

Zur Stiftung: Die gemeinnützige «Andreas-Grüntzig-Stiftung» wurde 2015 an der Universität Zürich gegründet. Sie fördert die Gefäss- und Herzmedizin und verwandte medizinische Disziplinen in Krankenversorgung, Ausbildung, Forschung und Lehre. Weitere Aufgaben umfassen Prävention von Herz- und Gefässerkrankungen sowie Erhalt des wissenschaftlichen Erbes ihres Namensgebers.

www.gruentzig-foundation.org

Was waren Ihre persönlichen Beweggründe, sich in der Stiftung zu engagieren?

Ruh: Für mich ist es aus ethischer Sicht ein Vermächtnis, das wir mit einer gewissen Verspätung zu verwalten und weiterzuführen versuchen. Und zwar auch aus grossem Respekt gegenüber dem, was er geleistet hat. Für mich spielt auch die Frage nach Gerechtigkeit eine entscheidende Rolle.

Wie werden wir Grüntzig gerecht in Zürich, nachdem er hier eigentlich Unrecht erfahren hatte? Weitere wichtige Beweggründe für uns sind die Prävention durch Aufklärung und der Miteinbezug der Öffentlichkeit – was übrigens für Grüntzig damals schon zentral war – sowie sein Bestreben, junge Leute auszubilden. Ich spüre hinter Grüntzig ein wissenschaftliches Pathos, das er damals an die jungen Wissenschaftler weitergeben wollte.

Was gab den Anstoss zur Gründung Ihrer Stiftung?
Barton: Vor einigen Jahren habe ich durch Maria Schlumpf, Grüntzigs persönliche Assistentin, von einem handgeschriebenen Entwurf Grüntzigs für eine Stiftung erfahren. Grüntzig wollte damit junge Ärzte hier in Zürich persönlich fördern. Da Grüntzig bereits ein Jahr später Zürich Richtung Amerika verliess, kam es nicht mehr dazu.

Anlässlich seines dreissigsten Todestages habe ich an der Universität Zürich zu Grüntzigs Gedenken am 30. Oktober 2015 einen öffentlichen Vortrag gehalten. An diesem Tag habe ich dort zusammen mit dem Angiologen Marc Husmann und dem Theologen und Ethiker Hans Ruh die Stiftung gegründet. Wir wollen den Gedanken von Grüntzig mit einer Stiftung, die seinen Namen trägt, hier in Zürich fortführen.

Was sind zentrale Anliegen der Stiftung?
Barton: Die Stiftung will dort anknüpfen, wo Grüntzig seinerzeit begabte und interessierte junge Menschen gefördert hat. Wie Hans Ruh bereits erwähnt hat, hat sich Grüntzig zeitlebens mit Krankheitsprävention befasst.

Im Sinne von Grüntzig wollen wir deshalb auch Aufklärung der Bevölkerung und Öffentlichkeitsarbeit zur Reduzierung von Herz- und Gefässerkrankungen betreiben und Fortbildungen veranstalten. Weitere Aufgaben beinhalten die Verwaltung von Grüntzigs wissenschaftlichem Erbe.

Können Sie etwas zur Person Grüntzigs sagen?
Ruh: Er war ein Grosser, der Grosses geleistet hat, aber klein gemacht wurde. Er war ein hervorragender Forscher und Lehrer und besass Eigenschaften, die besonders heute wieder in Zürich gefragt wären.

Für mich als Sozialethiker sind seine Beiträge zur Verbesserung der Gesellschaft, die gesellschaftliche Bedeutung seines Wirkens, die wichtigste Motivation, mich in der Stiftung zu engagieren.

Barton: Er war eine Ausnahmeerscheinung. Seine Fähigkeit, Patienten zu behandeln und gleichzeitig wissenschaftlich Enormes zu leisten, wie er Menschen motivierte und ausbildete, das war einmalig.

Vor allem hatte er den Mut, neue Wege in der Medizin zu beschreiten. Umso mehr beeindruckt es, dass er für die Entwicklung seines Ballonkatheters keine Gelder zur Verfügung gestellt bekam und es ihm trotzdem gelang – wohlgemerkt auf seinem Küchentisch zu Hause. Sein einziger Förderer war der schwedische Herzchirurg Åke Senning.

Mit Neugier, Durchhaltewillen und Wissen dank einer exzellenten wissenschaftlichen Ausbildung gelang Grüntzig in Zürich in kürzester Zeit etwas, was man mit einer «medizinischen Punktlandung» auf dem Mond umschreiben könnte.

Die Nachwuchsförderung nimmt in der Stiftung einen grossen Stellenwert ein. Können Sie dies näher erläutern?
Barton: Grüntzig hat in Zürich viele Kollegen ausgebildet, die aus der ganzen Welt angereist kamen. Er war ein hervorragender Lehrer, der sich für den Nachwuchs eingesetzt hat.

Bereits in den siebziger Jahren hat er seine damals neue Methode mittels Fernsehübertragung aus dem Katheterlabor jungen Kollegen gezeigt und gelehrt. Lehre war für ihn zentral. Wir nehmen Grüntzigs Wirken als Ansporn, in junge Talente zu investieren und sie in ihrer beruflichen Entwicklung zu begleiten.

Ruh: Ein erklärtes Ziel der Stiftung ist es, in Zürich ein «Andreas-Grüntzig-Institut» zu seinem Gedenken zu errichten, an dem sich die Förderung des Nachwuchses in den Bereichen Krankenversorgung, Ausbildung und Forschung im Geiste von Grüntzig umsetzen lässt.

Ähnliche Institute gibt es schon in anderen Ländern, zum Beispiel in Buenos Aires, Houston, Kapstadt, Kiew, Mexiko City oder auch in Portland. Hierfür ist die Stiftung allerdings auf Zuwendungen Dritter angewiesen.

Wie finanziert sich die Stiftung?
Ruh: Zur Verwirklichung der Stiftungsziele sind wir auf starke Partner und Geldgeber angewiesen – zusätzlich zu bereits gesprochenen Zuwendungen. Wir denken hier an Unterstützung aus der pharmazeutischen und biomedizinischen Industrie und finanzstarker Partner wie Banken und Versicherungen; auch Legate sind willkommen. Wir hoffen natürlich, auch diejenigen Unternehmen als Partner gewinnen zu können, deren Bereiche Grüntzig geprägt hat, wie die Hersteller von Ballonkathetern.

www.gruentzig-foundation.org