Herr Lindenmann, was spricht für eine digitale Vernetzung von Spitälern mit den Arztpraxen und wer profitiert davon?

Den Hauptnutzen haben momentan noch die Spitäler mit ihrem grossen Patientenvolumen, da sie ihre Prozesse beziehungsweise ihr gesamtes Zuweisungsmanagement optimieren können. Aber auch für Hausärzte ist das Potenzial gross.

Prozesstechnisch volldigitalisierte Praxen könnten ihre Informationsverarbeitung automatisieren und damit rationalisieren. Patienten wiederum würden von einfacheren Terminvereinbarungen, der korrekten Übermittlung von medizinischen Informationen und vom besseren Informationsstand ihrer Hausärzte profitieren.

Wo liegen gegenwärtig die grössten Baustellen?

In erster Linie haben wir eine asynchrone Verteilung vom Nutzen. Dazukommt die fehlende Strukturierung und Semantik von medizinischen Daten. Hauptmedium ist immer noch der Fax, der unzählige Formularversionen zulässt.

Aber auch ungenügende Voraussetzungen in den Praxen für die Digitalisierung der Kommunikation sowie unklare, informelle Prozesse zwischen Spitälern und Arztpraxen sind ein Problem.

Welche Haltung nehmen Ärzte und Hersteller ein?  

Für die Ärzte stimmen Aufwand und Ertrag nicht überein. Sie fragen sich, wozu der Mehraufwand, wenn die relativ wenigen Patientenüberweisungen mit Fax und PDF schnell zu erledigen sind.

Oft sind sie gar nicht mit der Ineffizienz der Formularhandhabung konfrontiert, da diese Arbeit die medizinische Praxisassistenz erledigt. Auch den Herstellern fehlen die Anreize.

Es gibt 65 verschiedene Praxisinformatiksystemhersteller, deren Systeme jedoch wenig prozessorientiert sind. Es bräuchte komplett neue Systemlösungen, welche die Hersteller jedoch nicht entwickeln, solange sie nicht verlangt werden.

Wie kann man die Entwicklung elektronischer Prozesse unter den Teilnehmern also befördern?

Damit die digitale Vernetzung voranschreitet, müssten Ärzte als Erstes dazu übergehen, ihre Prozesse anzupassen. Es gab Anträge seitens Ärzteverbänden für die Schaffung einer neuen Tarifposition «digitale Dokumentation» im TARMED.

Ich persönlich würde mich eher für ein Malus- als für ein Bonussystem aussprechen, was jedoch politisch heikel ist. Eine zusätzliche Grundproblematik besteht eigentlich darin, dass der ambulante Sektor vom elektronischen Patientendossier ausgenommen ist, also alles auf Freiwilligkeit beruht.

Wo sehen Sie positive Entwicklungen?

Es gibt immer mehr (vor allem junge) digitalisierte, IT-affine Ärzte. Auf gutem Weg ist man zum Beispiel in den Spitälern Aarau und Baden. In Genf ist die Vernetzung schon länger weit fortgeschritten.

Die Technologien sind alle vorhanden. Was noch fehlt, sind die passende Kultur, Dialog und Prozessdenken.