Als ich in den 70er-Jahren meine Ausbildung zum Apotheker absolvierte, war der Hanf als legales natürliches pflanzliches Arzneimittel in Schweizer Apotheken erhältlich und eine Monografie der fünften Ausgabe des Schweizer Arzneimittelbuches.
 

Seit die Pflanze nun aus Apotheken und Arzneimittelbuch verbannt wurde, steht sie im Spannungsfeld zwischen Empirie und Evidenz. Anders gesagt: Der Patient weiss aus Erfahrung im Rahmen einer unkontrollierten Selbsttherapie oft mehr, als die Schulmedizin es beweisen kann.

Dabei hat Cannabis ein ausserordentliches therapeutisches Potenzial und es ist daher an der Zeit, dass die Pflanze wieder in Apotheken erhältlich ist. Obwohl Cannabis bis zu einem Maximalgehalt von ein Prozent THC heute gesetzlich toleriert ist – auch für den Freizeitkonsum –, ist die Pflanze noch immer nicht vollständig entstigmatisiert. 

Daher haben wir vor zehn Jahren die Arbeitsgruppe SACM (Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin) gegründet. Deren Ziel ist die Aufarbeitung und Verbreitung von wissenschaftlichen, gesundheitspolitischen, rechtlichen und regulatorischen Fakten.

Nicht zuletzt sollen diese Informationen als Basis für eine sachliche, rationale Pro-und-Kontra-Diskussion dienen. Ziel soll letztendlich die Remedizinalisierung der Cannabinoide und Cannabisprodukte sein.

Dabei ist es für die SACM wichtig, dass die Anwendung von Cannabis als Medikament einerseits und als Freizeitkonsum-Droge anderseits klar differenziert wird. Sie beurteilt die geplanten Projekte einer kontrollierten Abgabe über Apotheken für nicht-pharmazeutische Zwecke deshalb kritisch.

Bürokratie für Sonderbewilligungen

Medikamente aus der Cannabispflanze sind in der Regel rezeptpflichtig. Solche mit mehr als ein Prozent THC, was therapeutisch oft nötig ist, erfordern eine Sonderbewilligung des BAG. Dies hält viele Ärzte wegen des hohen administrativen Aufwandes von einer Verschreibung, zum Beispiel als Magistralrezeptur, ab.

Hochkomplexe biochemische Verbindungen

Die Cannabis-Blüte («Cannabis flos») beinhaltet neben den bekannten Stoffen, wie dem berauschenden Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), rund 500 weitere Stoffe, deren pharmakologische Wirkung aber noch weitgehend unbekannt ist.

Dazu gehören auch die typischen Aromaträger. Die komplexe Chemie von Cannabis erklärt, warum es für die Forschung schwierig ist, alle heilbringenden Eigenschaften dieser Pflanze aufzuschlüsseln und zu standardisieren.

Chancen als Nischenplayer

Die wissenschaftliche Faktenlage über die heilenden Eigenschaften von Cannabinoiden und Cannabis hat sich laufend verbessert.


Dennoch ist es leider heute eine Tatsache, dass in der Schweiz viele Patienten immer noch gezwungen sind, unkontrollierte Selbstmedikation mit qualitativ nicht sicherem Strassenhanf oder Cannabis aus Eigenanbau zu betreiben, und allenfalls kriminalisiert werden. 
 

Gut bewiesen ist etwa die Wirkung von THC bei Muskelkrämpfen, Übelkeit, Erbrechen und Auszehrung, während CBD vor allem bei Epilepsien, Angst- und Schlafstörungen, schizophrenen Psychosen sowie Entzündungen eingesetzt werden kann.

THC und CBD wie auch Cannabispräparate bleiben aber angesichts der etablierten registrierten Medikamente weiterhin Nischenarzneimittel. So wird THC beispielsweise Morphin sicher nicht ersetzen, sondern höchstens ergänzen können.