Zeitfaktor

Das heute entscheidende Kriterium für die erfolgreiche Behandlung eines Herzinfarktes ist der Zeitfaktor. Erreicht der Patient das Spital rechtzeitig, damit mit den modernen Methoden der Herzmuskel zu retten ist?

Welcher der folgenden Meilensteine war der eigentliche Auslöser der rasanten Entwicklung in der Herzmedizin?

  • 1903 Willem Einthoven leitete die elektrischen Herzströme ab und zeichnete sie auf (EKG)
  • 1929 1. Katheteruntersuchung des Herzvorhofs durch Werner Forssmann, Selbstversuch (Nobelpreis 1956)
  • 1950 1. Ultraschalluntersuchung des Herzens durch Wolf-Dieter Keidel
  • 1953 1. Operation am still stehenden Herzen mit Herzlungenmaschine durch John Gibbon
  • 1958 1. Schrittmacherimplantation durch Ake Senning
  • 1960 1. Herzklappenoperation durch Starr und Edwards
  • 1967 1. Bypassoperation durch René Favaloro
  • 1967 1. Herztransplantation durch Christiaan Barnard
  • 1977 1. Ballondilatation der Kranzgefässe durch Andreas Grüntzig
  • 1982 1. Implantation eines Kunstherzens durch William De Vries
  • 1986 1. Stent-Implantation in Koronararterien durch Ulrich Sigwart
  • 2002 1. Katheterbasierte Klappenintervention durch Alain Cribier

Diese Aufzählung ist unvollständig und widerspiegelt nicht die Meilensteine in der medikamentösen Therapie. Medikamente werden immer wirkungsvoller und ermöglichen ihrerseits erst die exzellenten Resultate von Implantaten wie Stent und Herzklappen. Die moderne Herzmedizin ist auch deshalb so erfolgreich, weil die Kenntnisse der Risikofaktoren für Herzkrankheiten oft helfen, diese zu lindern oder zu vermeiden. Heute geht die Forschung in der Herzmedizin bis in die molekularen Strukturen der Herzmuskelzellen und bis in das menschliche Genom.

Der medizinische Fortschritt ist eher als Evolution zu verstehen, wo sich aus einer Entwicklung die nächste ergibt und Stufe um Stufe erklommen wird. In diesem Kontest war die erste Herztransplantation vor 50 Jahren bahnbrechend für die Entwicklung der Herzmedizin.

Die weiteren Fortschritte...

...in der Herzmedizin waren medial nicht so spektakulär. Wichtige Methoden, welche die weitere Entwicklung der Herzmedizin nachhaltig beeinflussten, fanden unter anderem auch in der Schweiz statt: 1977 dilatierte Andreas Grüntzig mit der Unterstützung von Ake Senning und Marko Turina zum ersten Mal eine verengte Kranzarterie. 1986 setzte Ulrich Sigwart in Lausanne zum ersten Mal ein Metallgitter in eine Kranzarterie (Stent).

Für die individuelle Behandlung von Rhythmusstörungen stehen den Ärzten heute Hightech-Geräte zur Verfügung, welche einerseits den Herzmuskel mittels elektrischen Impulses stimulieren, sodass der Herzmuskel zur Kontraktion angeregt wird. Andererseits können sogenannte Defibrillatoren durch gezielte Stromstösse lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen erfolgreich beenden.

Die neuste Errungenschaft sind die katheterbasierten Herzklappen, welche zu Beginn für Patienten gedacht waren, denen eine grosse Herzoperation mit konventioneller Eröffnung von Brustkorb und Herz aufgrund von Begleiterkrankungen und fortgeschrittenem Lebensalter nicht zumutbar war. Heute werden immer mehr Patienten mit solchen Herzklappen behandelt.

Durch den Fortschritt in der Bildgebung können Diagnosen heutzutage präziser gestellt werden. Was vor Jahrzehnten noch anhand klassischer Röntgenbilder beurteilt wurde, kann heute an Ultraschall- und Computerbildschirmen in digitaler Qualität betrachtet werden.

Es scheint heute jedoch, dass man mit dem «Ersatzteillager» wenig Potenzial für neue Errungenschaften hat. Vielmehr muss man sich der immer grösseren Patientenzahl widmen, welche an Herzschwäche leidet.

Durch die verschiedenen Errungenschaften kann heute die Behandlung von Herzkrankheiten individueller gestaltet werden. Die erhöhte Komplexität erfordert eine interdisziplinäre Entscheidungsfindung als Heart Team (zum Beispiel Bypass oder Stent), in welcher die verschiedenen Spezialisten die für den einzelnen Patienten beste Therapie festlegen. Dies ist die nächste grosse Herausforderung in der Herzmedizin.