Nichts ist so konstant wie die Veränderung. Das gilt auch für die Zahnmedizin und für die Implantologie.

Prof. Dr. Christoph Hämmerle, Prof. Dr. Mutlu Özcan und Prof. Dr. Ronald Jung arbeiten alle am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich, in der Klinik für Kronen- und Brückenprothetik, Teilprothetik und zahnärztliche Materialkunde. Sie erleben hautnah mit, wie sich diese Fachdisziplin wandelt.

Welche Veränderungen und Innovationen gibt es in der Implantologie?

Prof. Dr. Christoph Hämmerle: Die Hauptthemen und Grundprinzipien in der Implantologie und in der rekonstruktiven Zahnmedizin sind schon länger die gleichen. Die Implantologie hatte ihren Durchbruch in den Achtzigerjahren, die eigentliche Innovation liegt also weit zurück und ganz neue Fachgebiete entstehen nicht.

Aber die alten Grenzen dieser Disziplinen werden aufgeweicht. Heute verändern sich vor allem die Materialien, die Technologien und die Herstellungsverfahren. Vieles wird nicht mehr von einem Zahntechniker handgefertigt, sondern aufgrund von Computerdaten industriell hergestellt.

Viel gelernt haben wir auch rund um Methoden zur Gewebe- und Knochenbildung. Heute kann man das Knochenprofil sehr gut zum Wachsen anregen und dann leichter ein Implantat setzen.

Prof. Dr. Mutlu Özcan: Durch die neuen Verarbeitungsprozesse sind auch neue Materialien aufgetaucht. Wir haben heute minimalinvasive Möglichkeiten. Das bedeutet, dass wir sehr substanzschonend arbeiten können und den eigentlich gesunden Zahn kaum oder nur sehr wenig präparieren müssen.

Früher mussten wir den Zahn aufbauen, einiges wegschleifen, dann eine Krone setzen, darüberstülpen und fixieren. Das Material verlangte dies, damit es stabil blieb. Das bedeutete, dass viel vom gesunden Zahn weggeschliffen wurde.

Heute müssen wir nur ergänzen, was tatsächlich kaputt ist. Ausserdem braucht es heute weniger manuelle Fertigkeiten. Computer und Maschinen nehmen uns viel von unserer Arbeit ab. Wir sind heute mehr Manager und Planer einer Behandlung. Die Zahntechnik wird dadurch weniger aufwendig.

Welche Materialien werden heute eingesetzt?

Özcan: Es sind immer noch die klassischen Materialien: Metalle, Kunststoffe und keramische Stoffe. Doch diese Stoffe haben sich stark verbessert. Moderne Kunststoffe und keramische Stoffe sind optisch schöner und mechanisch stärker.

Kunststoffe haben uns im minimalinvasiven Bereich viel ermöglicht, haben jedoch noch Einschränkungen in der Farbstabilität und im Verschleiss. Aber auch diese Einschränkungen werden laufend weniger. Und sie sind zahnfarben, das ist natürlich sehr willkommen.

Hämmerle: Die Minimalinvasivität ist auch in der Implantologie wichtig. Früher gab es für jeden verlorenen Zahn ein Implantat. Heute setzt man pro Kiefer noch maximal vier bis sechs Implantate und die sind dünner und kürzer als früher, weil sie viel stabiler sind. Es braucht so weniger Knochenvergrösserung, was weniger invasiv ist, den Patienten weniger leiden lässt und kostengünstiger ist.

Wohin geht die Forschung rund um die Materialien?

Özcan: Es gibt verschiedene Visionen. Wir möchten das Material der natürlichen Zahn- und Knochensubstanz ähnlicher machen. Doch die Natur ist schwierig zu kopieren. Optisch sind wir ziemlich nahe, aber mechanisch sind wir noch nicht so weit.

Eine zweite Vision ist es, Materialien zu entwickeln, die günstiger, einfach zu produzieren, leicht zugänglich und deshalb unter Feldbedingungen anwendbar sind. Denn: Karies und Zahnfleischschwund sind weltweite Probleme, aber es gibt global noch viele Patienten ohne Zugang zu Basis-Rekonstruktionsarten.

Wann wird Metall verwendet, wann Keramik?

Prof. Dr. Ronald Jung: Titan ermöglicht heute noch mehr Flexibilität. Keramik ist da noch nicht auf Augenhöhe. In der Anwendung von Keramik sind wir schon weit, aber rund um den Wissensstand haben wir noch viel Entwicklungsbedarf.

Bei Keramik sind wir gezwungen, auf der sicheren Seite zu bleiben und nur das zu machen, was auch in zehn Jahren noch hält. Das schränkt uns noch etwas ein. Aber das Bedürfnis ist natürlich da, metallfrei zu rekonstruieren – vor allem vonseiten der Patienten. Es gibt weltweit viele Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen, um die Flexibilität und das Portfolio von Keramik zu erweitern.

Wie verändern computergestützte Prozesse die Implantologie?

Hämmerle: Im Moment verdrängen Imaging-Verfahren viele traditionelle Verfahren. Heute lassen sich 3D-Röntgenbilder anfertigen und ein Scan erstellen. Auf dem Computer sieht man die Oberflächenbeschaffenheit, aber auch den Knochen, der vom Zahnfleisch überdeckt ist.

Wir können alle Bilder übereinanderlegen, in 3D betrachten und so das Implantat planen. Früher gab es noch Wachsmodelle, um sich mit den Patienten anzuschauen, wie das Resultat sein wird.

Heute gibt es Methoden mit Augmented Reality – der Patient schaut sich auf einem Tablet an, kann dabei den Kopf drehen und das Resultat aus allen Perspektiven digital betrachten. Wir planen dann auf dem Computer, wo wir das Implantat setzen, damit es gut im Knochen steht und der Zahn gut rekonstruiert werden kann. Das alles geht mit weniger chirurgischen Eingriffen, weniger Risiko und weniger Belastung für den Patienten einher.

Jung: Wir bestimmen, wie es sein soll, im Dialog mit den Patienten. Wir sehen uns den Unterbau an und können die Operation mit digitalen Hilfsmitteln planen. Früher brauchte es während der Operation viel mehr Flexibilität, heute erledigt man mehr Arbeit im Büro, kann dann aber sicherer und voraussehbarer operieren.

Das macht den Arzt ruhiger, und der Patient weiss immer, was passieren wird. Jeder Schritt ist eine logische Konsequenz des letzten Schrittes.

Özcan: Wenn das Implantat eingeheilt ist, wird wieder ein digitaler Abdruck gemacht. Darauf basierend designt ein Zahntechniker den Zahn, prüft den Biss mit dem Gegenkiefer, die Farbe, die Form, alles digital und alles in Absprache mit den Patienten. Wenn alles in Ordnung ist, drückt man den Knopf und eine Maschine rekonstruiert das Einzelstück, das dann befestigt werden kann.