Herr Professor Blaser, nutzen wir die bestehenden technischen Möglichkeiten der Informationstechnologie in der Medizin zu wenig?

Die Digitalisierung hat im Gesundheitswesen später eingesetzt als in anderen Dienstleistungsbereichen. Dabei dreht sich auch in der Medizin viel um Daten und Informationen, die zu dokumentieren, kommunizieren und interpretieren sind. Informatik trägt zur Verbesserung von Effizienz und Qualität der Abläufe und Entscheidungen bei.
 

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Ein Röntgenbild war früher ein Unikat, das zum Zeitpunkt klinischer Entscheidungen oft nicht zur Hand war. Heute stehen digitale Aufnahmen jedem Berechtigten jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung.
 

2007 führten zwölf Prozent der Arztpraxen elektronische Krankenakten, 2013 waren es 35 Prozent. Wie erklärt sich die Skepsis gegenüber elektronischer Datenverarbeitung im Gesundheitswesen?

 Die Digitalisierung erfordert oft eine Anpassung der Abläufe. Dies braucht Zeit. Zudem sind die Vorteile nicht in jedem Betrieb gleich gewichtig. Aber auch in Arztpraxen verläuft der Trend unaufhaltsam in diese Richtung. Junge Ärzte sind aufgrund ihrer Spitalerfahrungen mit elektronischen Patientenakten vertraut. In anderen Ländern wurde diese Entwicklung teilweise durch Anreizsysteme oder verbindliche Auflagen beschleunigt.
 

Sie begrüssen die Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD). Welche Vorteile versprechen Sie sich von dieser Innovation im Gesundheitswesen?

Die Reduktion von Informationsverlust, Missverständnissen oder Doppeluntersuchungen führt zur Verbesserung von Qualität und Patientensicherheit.
 

Wo liegen die Grenzen von E-Health beziehungsweise wann halten Sie den Einsatz von E-Health für nicht angebracht beziehungsweise bedenklich?

Die Grenzen sind zeitlich und kulturell veränderlich. Heikel wird der Umgang mit genetischen Informationen bleiben, unter anderem auch wegen möglicher Relevanz für Familienmitglieder. Missbräuche und Datenschutzverletzungen sind zu sanktionieren, um das Vertrauen der Patienten nicht zu gefährden.
 

Der Patient kann die Zugriffsrechte für sein EPD selbst bestimmen. Könnte dies den Nutzen des EPD einschränken?

Ja. Trotzdem, Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Jeder Bürger soll Chancen und Risiken abwägen können.
 

Die Gesetzgeber haben das Elektronische Patienten-Dossier-Gesetz (EPDG) verabschiedet. Nun steht die Umsetzung auf kantonaler Ebene bevor. Ist der Föderalismus hier eher hinderlich?

Ja, sicher. Die Interoperabilität aufzubauen, wird damit anspruchsvoll und kostet Zeit und Geld. Föderalismus kostet generell viel. Erstaunlicherweise ist die Schweiz trotzdem insgesamt kompetitiver als zentralistische Länder.
 

Die jährlichen Kosten für das Schweizer Gesundheitswesen liegen pro Monat und Einwohner bei circa 708 Franken. Wie gross ist hier das Einsparungspotenzial durch den Einsatz von E-Health?

0,123 Bitcoins (lacht). Nein, solche Schätzungen sind mir zu diskutabel. Ich kenne keine gesamtwirtschaftlichen Analysen, die methodisch belastbar sind.
 

Könnten Sie sich ein papierloses Spital vorstellen?

Ja, heute sind viele Geschäftsprozesse digitalisiert und die Patientendokumentationen werden meist papierlos gespeichert und kommuniziert. Ziel ist jedoch nicht besserer Waldschutz, sondern Verbesserung von Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen.