Für die Patienten resultieren eine kürzere Hospitalisation und eine raschere Wiedereingliederung in den Alltag, sagt Professor Franz Recker, Leiter des Prostatazentrums am Kantonsspital Aarau.

«DaVinci» gilt als die modernste Entwicklung auf dem Gebiet der minimal-invasiven Operationen. Wo liegen die grössten Vorteile für den Arzt beziehungsweise den Patienten?
Die Patienten müssen weniger lang im Spital bleiben. Sie profitieren zudem von einer kürzeren Rekonvaleszenz. Weiter gibt es nur Stichinzisionen im Bauchraum, also keine Schnitte, was zu einem geringeren Blutverlust führt. Die Patienten können dadurch rascher wieder in den Berufsprozess und Alltag eingegliedert werden und auch früher wieder mit Sport und anderen körperlichen Tätigkeiten beginnen. Für den Arzt ermöglicht die Telechirurgie eine hohe Vergrösserungsmöglichkeit der Details. Durch die Auflage der Hände an der Konsole können die Instrumente ruhiger geführt werden. Die Telechirurgie erlaubt zudem ein ergonomisches Arbeiten, jederzeit sind auch Positionswechsel zwischen Sitzen und Stehen möglich. Dabei hat der operierende Arzt immer die Kontrolle über das System. Der Roboter arbeitet quasi als Assistent, der die Entscheidungen des Chirurgen präzise und ohne jede Zitterbewegung umsetzt. Für jeden Roboterarm sowie für die ganze Apparatur gibt es Sicherungssysteme. Der Roboter kann jederzeit blitzartig gestoppt werden.

Für welche Patienten mit Prostatakarzinom ist die Methode geeignet?
Sie kommt vor allem bei auf die Prostata begrenzten Tumoren zur Anwendung. Beim organbegrenzten Prostatakarzinom gilt die gesamte Entfernung der Prostata als Behandlungsmethode mit der grösstmöglichen Heilungschance. Wesentlich für den Heilungserfolg ist, dass der Tumor frühzeitig entdeckt wird. Umgekehrt muss nicht jeder früh entdeckte Tumor behandelt werden, da etliche irrelevant sind.

Bei diesem System sitzt der operierende Arzt an einem Computerarbeitsplatz, der so genannten Konsole. Wie muss ich mir seine Arbeit konkret vorstellen?
Der Chirurg dirigiert die Instrumente wie Schere und Pinzette separat in allen Freiheitsgraden, quasi wie eine Hand im Operationsgebiet. Ein Assistent, der neben dem Patienten steht, unterstützt den Operateur mit Sauger, Tupfer und Klemmen. Sowohl der Chirurg wie auch der Assistent haben dasselbe Bild vor sich. Sie sind über Lautsprecher miteinander verbunden. Das ermöglicht eine enge und koordinierte Zusammenarbeit, was für den Operationserfolg äusserst wichtig ist.

In den USA sind mittlerweile über 600 «DaVinci»-Systeme im Einsatz. So werden dort mehr als zwei Drittel aller Prostatakrebs-Operationen mit diesem System ausgeführt. Wie präsentiert sich die Situation in Europa und insbesondere in der Schweiz?
In Europa ist die Situation noch nicht so ausgeprägt. Es existieren viel weniger Systeme. In der Schweiz gibt es relativ zur Bevölkerung gesehen die höchste «DaVinci»-Dichte.

Wie viele Spezialisten sind schweizweit in der Lage, mit diesem System zu arbeiten?
In der Schweiz gibt es ungefähr 20 bis 25 Urologen, die das System wirklich beherrschen. Es braucht mindestens 100 oder noch besser 200 Prostataoperationen, bis eine sichere Erfahrung vorhanden ist. Mein Stellvertreter Dr. D. Seiler und ich machen pro Jahr knapp 200 Eingriffe dieser Art.

Welche Zukunftsperspektiven und Optionen sind für Sie besonders interessant?
DaVinci dürfte auch in Europa die offene Operationstechnik langsam ablösen. In erster Linie kommt es auf die Fähigkeiten des Operateurs an, in zweiter Linie auf die Methodik. Die Roboterchirurgie hat m.E. eine grösste Zukunft. Ziel ist neben der Früherkennung und der differenzierten Selektion von Prostatakrebspatienten eine hohe onkologische Sicherheit, verbunden mit höchster operativer Qualität, das heisst der Erhaltung von Kontinenz und Potenz. Die Untersuchung der Prostata schon während der Operation auf Tumorzellen am Schnittrand des Präparates gewährleistet eine hohe onkologische Sicherheit.

Die Methode wird auch als «Operation der kleinen Schnitte» bezeichnet. Können künftig selbst schwere Operationen für den Patienten schonend und unter Vermeidung der sonst üblichen postoperativen Schmerzen durchgeführt werden?
Schon jetzt werden Operationen von kleinen und mittleren Tumoren an der Niere mit dem «Da Vinci»-System durchgeführt. Dadurch entfällt der ansonsten belastende Schnitt in der Flanke des Bauchraums. Auch gros­se Harn-Blasenoperationen können künftig mit diesem System durchgeführt werden.