Herr Südhof, können Sie uns erklären, wie das menschliche Gehirn funktioniert?

Nein das kann ich leider nicht (lacht). Ich kann dazu nur sagen, dass wir von einem Verständnis des Gehirns weit entfernt sind. Ich glaube, dass wir ganz am Anfang mit unseren Forschungen sind und nur wenige Prozent des Gehirns verstehen. Wir wissen aber, dass sich das Gehirn ständig umbaut und im Gehirn unglaublich viele Nervenzellen sind, die laufend miteinander kommunizieren. Jeder neue Lernprozess verändert, wie die Billionen Nervenzellen miteinander reden.

2013 haben Sie für diese Erkenntnis den Nobelpreis bekommen.

Das Verständnis dieser Krankheiten ist eine unglaubliche Herausforderung.

Ich habe den Nobelpreis für einen kleinen Teil dieser Kommunikation bekommen. Die Kommunikation zwischen Nervenzellen ist ein faszinierender Prozess, weil er einerseits so schnell, andererseits aber auch so plastisch ist. Man muss sich vorstellen, dass in jeder Zelle chemische Botenstoffe in Bläschen transportiert werden. Besonders wichtig ist dies im Gehirn, wo Milliarden Nervenzellen ständig miteinander kommunizieren.

Die jeweilige Information wird von einer Nervenzelle zur nächsten an speziellen Verbindungsstellen, den Synapsen, in Form dieser chemischen Botenstoffe weitergegeben: Die eine Zelle schüttet den Botenstoff aus, die andere Zelle erkennt ihn. Das ist ein fundamentaler Prozess, der für alle Hirnfunktionen wichtig ist, vom Laufen und Sprechen bis zur Erinnerung und zum Bewusstsein. Alle Netzwerke, die im Gehirn gebildet werden, sind sehr leicht veränderbar, sehr plastisch. Dies wiederum ist für die Funktion des Gehirns von hoher Bedeutung.

Eine grosse Bedeutung haben diese Erkenntnisse auch für die Erforschung von Krankheiten wie Demenz, Parkinson, Schizophrenie oder Autismus.

Es gibt zurzeit zwei Riesengebiete, die enorm wichtig werden für unsere Gesellschaft. Weltweit. Das eine sind die klassischen neuropsychiatrischen Krankheiten wie Autismus und Schizophrenie. Das andere sind die neurodegenerativen Krankheiten wie die Parkinson- und Alzheimer-Krankheit. Diese beiden Krankheitsbereiche haben wenig miteinander zu tun, abgesehen davon, dass beide Krankheitsbilder letztlich die Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn verändern.

Was weiss man denn über die neurobiologischen Grundlagen von psychiatrischen und neurodegenerativen Krankheiten?

Um ehrlich zu sein: Wir wissen fast nichts darüber. Zwar entdeckt man immer wieder Gene, die das Risiko erhöhen, zum Beispiel an Schizophrenie zu erkranken. Doch welche Mechanismen für die Symptome verantwortlich sind, ist unbekannt.

Es besteht häufig die Erwartungshaltung, dass wir in der Forschung eigentlich weit sein müssten. Weil wir so viel verstehen würden und so viel Geld schon investiert hätten. Das ist ein Irrtum, wir verstehen sehr wenig und es wurde bisher relativ wenig Geld in die Erforschung dieser neurologischen Krankheiten investiert. Das Verständnis dieser Krankheiten ist eine unglaubliche Herausforderung. Die Erwartungshaltung, dass es schon bald Therapien gegen verschiedene Nervenkrankheiten geben wird, ist da, doch wird es mit dem derzeitigen Wissensstand und den derzeitigen Geldmitteln noch lange dauern, bis man Behandlungserfolge erzielen wird. Denn, eine Nervenzelle ist noch komplexer als eine  Krebszelle.

Haben psychiatrische Krankheiten in den letzten Jahren zugenommen?

Zuverlässige Zahlen gibt es dazu keine. Allerdings gibt es Hinweise, dass Autismus zugenommen hat. Was eindeutig ansteigt, sind die neurodegenerativen Erkrankungen, aus dem einfachen Grund, dass die Menschen immer älter werden. Bei Alzheimer hat die Forschung heute die besten Vorstellungen, wie man diese Krankheit behandeln könnte. Obschon diese Ideen bislang zu nichts Greifbarem geführt haben und sich als falsch erweisen könnten. Sie sehen, die Neurologie steckt in den Kinderschuhen.

Dann hat man auch keine Vorstellung davon, was im Gehirn bei einem Burnout oder einer Depression falsch läuft?

So ist es. Wir haben keine zureichende Kenntnis, was bei diesen Krankheitsbildern konkret im Gehirn falsch läuft. Obschon Kenntnisse darüber so wichtig wären. Denn, die Depression ist quantitativ die wahrscheinlich wichtigste neurologische Erkrankung, weil sie so viele Menschen betrifft. Allerdings sind die Krankheitsbilder von Depression und Burnout schwer definierbar, was es wiederum erschwert, Behandlungen dafür zu entwickeln. Es gibt Hinweise darauf, dass bei vielen Krankheiten zuerst die Synapsen betroffen sind. Das wollen wir genauer untersuchen.

Was ist Ihre persönliche Motivation für Ihre Arbeit?

Schon während meines Medizinstudiums hat es mich tief beeindruckt, unter welch enormem Leidensdruck Menschen mit neuropsychiatrischen und neurodegenerativen Krankheiten stehen. Wir Mediziner haben zurzeit wenige Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Mir wurde bewusst, wie wenig wir eigentlich vom menschlichen Gehirn verstehen. Seither ist es mein Ziel und meine tägliche Motivation, dies zu ändern.

Die Komplexität des Gehirns ist enorm und es ist ungewiss, ob wir jemals dieses Verständnis erlangen werden. Aber ich glaube, dass wir genügend Fortschritte machen werden, um wenigstens die Grundprinzipien des Gehirns zu verstehen und dadurch bessere Behandlungsmethoden für die verschiedenen Gehirnerkrankungen entwickeln können.