Das Zusammenspiel von Metabolismus und Immunsystem hat einen grossen Einfluss auf den Diabetes Typ 2. «Ursprünglich wurden Immunsystem und Metabolismus (Stoffwechsel) als zwei verschiedene Systeme mit unterschiedlichen Funktionen wahrgenommen: Das Immunsystem ist für die Abwehr zuständig, und der Metabolismus reguliert die Nahrungsverteilung und deren Verwertung. Die­se Denkweise führte dazu, dass in den beiden Be­reichen weitgehend unabhängig geforscht wurde.

Mm Gegensatz zum Diabetes-Typ-1 haben wir es bei Typ 2 selbst in der Hand!»

Seit ein paar Jahren wissen wir nun, dass die beiden Systeme eng zusammenarbeiten», sagt der Diabetologe und Endokrinologe Prof. Dr. Marc Y. Donath. Tatsächlich ist es nämlich das Immunsystem, das sich gegen ein Zuviel an Nahrung wehrt. «Wird der Organismus mit einem Überangebot an Nahrung strapaziert, lösen die Nährstoffe im Im­munsystem ein falsches Signal aus. Es wird deshalb übermässig gebraucht und dadurch überaktiviert», erklärt Donath.

Chronische Überaktivierung des Immunsystems

Es ist heute gut belegt, dass sich das Immunsystem bei übergewichtigen Menschen in einer chro­nischen Überaktivierung befindet; dies wiederum führt zu einer Verschlechterung der Insulinwirkung sog. Insulinresistenz. Zudem zeigt sich auch, dass diese chronische Entzündung zu Diabe­tes­-Komplikationen wie kardiovaskuläre Erkran­kungen sowie Nieren-­ und Augenkomplika­tionen beiträgt. «Unser Ziel ist es nun, in diesen Immunprozess einzugreifen und die übermässige Immunreaktion zu stoppen. Dazu werden zurzeit verschiedenste Immuntherapien zur Behandlung des Diabetes und seiner Komplikationen untersucht.»

So werden etwa Medikamente eingesetzt, die ein bestimmtes Molekül des Immunsystems blockieren. Diese haben den Vorteil, dass sie lediglich einmal im Monat oder sogar noch seltener verabreicht werden müssen. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, inwiefern sich diese Therapie eta­bliert und bei welchen Patienten sowie in welchen Erkrankungsstadien sie erfolgreich eingesetzt wer­den kann.

«Wir erwarten, dass durch die direkte Beeinflussung der Krankheitsentstehung ein breiter und tiefgreifender Effekt erzielt wird», so der Diabetologe. Dennoch mahnt er: «Diese vielversprechenden Aussichten dürfen uns nicht von einer Änderung unseres Lifestyles mit körperlicher Aktivität, ausgewogener Ernährung und Gewichtsregulierung abhalten. Denn, im Gegensatz zum Diabetes Typ 1 haben wir es bei Typ 2 selbst in der Hand!»

Stichwort Diabetes Typ 1. Welche Fortschritte gibt es auf diesem Gebiet? «Im Gegensatz zum Typ 2 Diabetes wissen wir noch immer zu wenig über seine Entstehung», so Donath. Dennoch gibt es auch hier neue Erkenntnisse, die in den nächsten Jahren grosse Fortschritte in der Diabetesbehandlung mit sich bringen werden. «Heute wissen wir etwa, dass die insulinproduzierenden Zellen, die sogenannten Betazellen, nicht vollständig kaputt sind, sondern laufend produziert, jedoch vom Immunsystem zerstört werden. Unser Ziel ist es nun, direkt in diesen Prozess einzugreifen, um die Zerstörung der Zellen zu verhindern», erklärt Prof. Donath abschliessend.