Kein medizinischer Forschungsbereich hat so viel Hoffnung geweckt wie die Stammzellentherapie. Unzählige Menschen mit chronischen und teils lebensbedrohlichen Erkrankungen sehen hier ihre letzte Chance. Die Wissenschaft überrascht uns auf dem Gebiet laufend mit neuen Erkenntnissen. Dennoch beobachten viele diese Entwicklung eher kritisch. Vor allem aus ethischer und moralischer Sicht sind hier noch einige Fragen ungeklärt.

Was Stammzellen für die Medizin und die Forschung so interessant macht, ist ihre besondere Eigenschaft. Denn sie können sich in ganz unterschiedliche Zelltypen weiterentwickeln. Zum Beispiel in Herzzellen, in Blutzellen oder auch in Muskel- beziehungsweise Knorpelzellen. Die Stammzellen, die für diese Therapie verwendet werden, können jedem lebenden Menschen aus dem Knochenmark, dem Blut oder dem Fettgewebe entnommen werden. Voraussetzung ist, dass die entsprechende Person als Spender in Frage kommt und ausdrücklich in die Entnahme einwilligt. Soweit scheint das moralisch noch vollkommen unbedenklich. Ganz anders sieht das bei den begehrten embryonalen Stammzellen aus. Diese bieten für Wissenschaft und Medizin fast unbegrenzte Möglichkeiten. Der Grund hierfür ist, dass die Zellen aus einem Embryo sich bis zum Achtzellstadium in sämtliche Zellen des menschlichen Organismus entwickeln können (Totipotenz). Stammzellen von Ungeborenen werden somit für Wissenschaft und Mensch zu einem wertvollen Objekt. Vielen ist dieser Preis zu hoch.

Die Gewinnung und Forschung mit Stammzellen ist in der Schweiz gesetzlich klar geregelt
In der Schweiz ist es der Wissenschaft erlaubt, Stammzellen von menschlichen Embryonen zu gewinnen und mit diesen Zellen zu forschen, wenn es sich um Embryonen aus der Fortpflanzungsmedizin handelt, die hierfür nicht mehr verwendet werden. So heisst es im Beschluss des Bundesrates vom Februar 2005, der bis heute gültig ist. Vorausgegangen war dieser Verabschiedung eine Volksabstimmung, bei der mehr als 66 Prozent der Schweizer Wähler für dieses Gesetz stimmten. Die Umsetzung ist im Stammzellengesetz geregelt. Dieses sieht vor, dass nur bis zum siebten Tage nach der Entstehung Stammzellen von einem Embryo gewonnen werden dürfen. Und ganz wichtig: Die kommerzielle Gewinnung und Verwendung von embryonalen Stammzellen ist grundsätzlich verboten. Doch wie sieht es mit importierten Stammzellen aus? Selbst das ist grundsätzlich möglich, nur gelten dann die gleichen Vorgaben bei der Entnahme in der Schweiz.

Zum Thema Stammzellentherapie wird derzeit intensiv auf der ganzen Welt geforscht. Und das sehr erfolgreich. Dennoch ist in der Schweiz die Stammzellentherapie für eine ganze Reihe von Erkrankungen noch nicht zugelassen. Hierzu zählen Alzheimer, Arthrose, Autismus, Diabetes, Herzinfarkt (kardiovaskuläre Erkrankungen), Multiple Sklerose, Parkinson, Rückenmarksverletzungen und weitere Krankheiten. Die Zulassung für die Stammzellentherapien, unter anderem durch die Schweizer Arzneimittelbehörde, wird trotz der Fortschritte bei den klinischen Studien, sicher noch Jahre dauern. Für eine Vielzahl an Krankheiten werden Stammzellen in der Schweiz bereits seit langem zur ­Heilung ­eingesetzt.

Für unzählige Patienten die letzte Chance
Bereits seit Jahrzenten kommt bei der Behandlung von Leukämien (Blutkrebs), Knochenmarkkrebs (Myelom) oder bei Krebs im Lymphsystem (Lymphom) die Stammzellentherapie erfolgreich zum Einsatz. Selbst einige Knochen-, Haut- und Hornhauterkrankungen lassen sich mit Hilfe von Stammzellen erfolgreich therapieren. Auch bei starken Verbrennungen werden heute Gewebetransplantationen vorgenommen, die ebenfalls auf der Stammzellmedizin basieren. Immer mehr ist heute «technisch» machbar. Und genau hierüber streiten Wissenschaftler und Philosophen seit langem, nämlich über die Frage: Wollen wir diese Art von Fortschritt um jeden Preis? Auch in Zukunft werden sich die klügsten Köpfe der Nation über das Thema austauschen und keine verbindliche Antwort finden. Nur  all den Menschen, für die eine Stammzellentherapie eine letzte Chance bedeutet, dürfte die Antwort klar sein.