Facts

1. Die Gründung der Pharmakognetik als eigenständige Disziplin wird auf die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts datiert. Der Begriff wurde 1959 vom Heidelberger Humangenetiker Friedrich Vogel eingeführt.
2. Die Entschlüsselung der menschlichen Erbinformation hat ergeben, dass alle Menschen in ihrer Erbinformation zu 99,9 Prozent miteinander übereinstimmen
3. Bislang können nur zwanzig Prozent der etwa 30 000 bekannten Krankheiten mit Medikamenten behandelt werden. Diese Arzneimittel wirken auf rund 500 Zielmoleküle (drug targets) im Körper, die bis heute ermittelt wurden.
4. In jeder Körperzelle des Menschen liegen zwischen 26 000 und 40 000 Gene – die Baupläne für Eiweisse (Proteine), die Werkzeuge und Bausteine des Körpers sind.
5. Veränderungen von DNA-Abschnitten oder einzelnen Genen können vererbt werden. Dabei handelt es sich um sogenannte Erbkrankheiten. Bisher sind über 3000 Erbkrankheiten bekannt.

Medikamente können bei Menschen unterschiedlich wirken. Gemäss Dr. Pierre-Alain Menoud, Verantwortlicher des Labors für Molekulardiagnostik, Unilabs Lausanne, stellt sich bei ca. 82 bis 85 Prozent der Patienten der erwartete therapeutische Nutzen eines Medikaments ein. Bei ca. 10 bis 20 Prozent der Patienten hingegen ist ein verringerter Nutzen oder eine schlechte Verträglichkeit der Arzneimittel feststellbar. «Eine Arzneimittel-Unverträglichkeit bedeutet nicht zwingend, dass der Patient krank ist. Sie kann Beleg dafür sein, dass wir genetisch unterschiedlich ausgestattet sind und daher die Medikamente im Körper anders abbauen», erklärt Menoud. Bereits geringe Unterschiede in den Genen können bewirken, dass Arzneimittel nicht wie erhofft auf ihre
Zielmoleküle im Körper einwirken.

Dr. Menoud führt als Beispiel ein Antidepressivum an, das Nordeuropäer genetisch bedingt weniger leicht abbauen, als Südeuropäer. Als Ursache vermutet man regionale Klima- oder Ernährungsunterschiede, die über Jahrtausende zu einer Selektion der genetischen Varianten geführt haben. Die individuelle Reaktion auf Arzneimittel ist aber nicht einzig von den Genen, sondern auch von Eigenschaften wie Alter, Gesundheitszustand und der Lebensweise abhängig.

Status quo und Ausblick
Forschungsziel der Pharmakogenetik ist es, die genetische Variabilität der Arzneimittelwirkungen aufzuschlüsseln, um somit die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Arzneimittel zu verbessern und auf die genetischen Bedürfnisse bzw. auf den Medikamentenblutspiegel des Patienten zuzuschneiden. Schon heute erlaubt die Pharmakogenetik Prognosen zur fallspezifischen Wirkung eines Arzneimittels, was eine näher an den individuellen Bedarf eines Patienten angepasste Dosierung ermöglicht und relative Überdosierungen zu vermeiden hilft. «Die personalisierte Medizin bezweckt, dem Patienten das beste Medikament zur bestmöglichen Tageszeit zu liefern, wobei auch dessen
Chronobiologie berücksichtigt wird», so Menoud.

Durch ihre schnellen Fortschritte bei der Entschlüsselung und Erforschung genetischer Informationen ist die Pharmakogenetik zu einem wichtigen Bereich der medizinischen, pharmazeutischen und molekularbiologischen Wissenschaften geworden. «Eine Herausforderung wird es sein, die hohen Preise für genetische Analysen zu senken, um diese der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Zudem müssen wir die Krankenkassen überzeugen, die präventive Medizin zu unterstützen», so Menoud. Seiner Schätzung nach betragen die momentanen jährlichen Verluste, die auf medizinische Fehlbehandlungen zurückzuführen sind, weltweit Milliarden von Dollar.