Der grosse Herzchirurg Åke Senning (1915–2000) wurde im schwedischen Rättvik als Sohn eines Tierarztes und einer Krankenschwester geboren. Eigentlich wollte er Ingenieur werden. Seine Mutter überredete ihn jedoch zum Medizinstudium.


«Mein Vater war das erste von fünf Kindern. Für meine Grossmutter stand immer fest, dass ihr Erstgeborener Arzt wird», erinnert sich Sennings Sohn Johan.
 

Die erste Herz-Lungen-Maschine

Senning schloss Gymnasium und Studium in der historischen Universitätsstadt Uppsala, den klinischen Teil und sein Staatsexamen in Stockholm ab. Seine chirurgische Weiterbildung begann er 1948 beim berühmten Herzchirurgen Clarence Crafoord in Stockholm.

Sennings Ausbilder war damals der erste Chirurg, dem eine herznahe Operation, die chirurgische Korrektur einer Koarktation der Aorta, gelungen war.

Als Senning selbst am Herzen zu operieren anfing, beauftragte ihn Crafoord mit der Entwicklung eines künstlichen Herzens. «Mein Vater war ein genialer Chirurg, der Lösungen fand, wo andere nicht weiterkamen.

Und so entwickelte er die erste funktionierende Herz-Lungen-Maschine, die den Herz-Lungen-Kreislauf während einer mehrstündigen Operation ersetzen konnte», berichtet Johan Senning, der ebenfalls Chirurg ist.

Als Clarence Crafoord 1954 die erste erfolgreiche offene Herzoperation in Europa durchführte, hatte Sennings Erfindung entscheidenden Anteil daran. Durch seine Arbeit an der Herz-Lungen-Maschine hatte er zudem die Elektrophysiologie des Herzens bestens kennengelernt, womit er den Grundstein für seine nächste bedeutsame Erfindung legte: den ersten implantierbaren Herzschrittmacher.

Der erste Träger eines Herzschrittmachers

Die Geschichte von Sennings Herzschrittmacher nahm ihren Anfang in einem Stockholmer Restaurant, wo der Elektroingenieur Arne Larsson Austern gegessen hatte. Kurz darauf erkrankte er an einer viralen Leberentzündung, die aufgrund von Komplikationen zu einer schweren Herzrhythmusstörung führte.

Der 38-jährige Larsson musste regelmässig reanimiert werden, weil sein Herz beinahe stündlich stehen blieb. «Eine Krankenschwester wachte an seinem Bett. Jedes Mal, wenn er seine Augen zu verdrehen begann, musste sie ihn reanimieren», so Senning junior.

Larssons Frau wusste um die ersten Pacemaker, die in den USA in Entwicklung waren, und dass auch Senning nach einer Lösung suchte, um ein krankes Herz mit elektrischen Impulsen zu stimulieren und so einen Herzstillstand zu überwinden.

Sie überzeugte den Chirurgen – der zwischenzeitlich Oberarzt und Leiter der Experimental- und Thoraxchirurgie am Karolinska-Universitätskrankenhaus geworden war –, sein noch in Entwicklung befindliches Gerät bei ihrem Mann zu implantieren. Am 8. Oktober 1958 war es so weit: Senning setzte bei Larsson den weltweit ersten implantierbaren Herzschrittmacher ein, den er mit der praktischen Hilfe des Elektroingenieurs Rune Elmqvist entwickelt hatte.

Die Pioniertat markierte einen Wendepunkt in der modernen Kardiologie. Ärzte hatten während Jahren auf diesen Tag hingearbeitet. Larsson lebte danach noch 43 Jahre weiter – 3 Jahre länger als Senning. Der Patient erhielt im Laufe der Jahre über 30 Herzschrittmacher-Implantationen und erlag letztlich einem Krebsleiden.

Senning in Zürich

Nach Senning wurden mehrere herzchirurgische Verfahren benannt. Eines davon ist die Transpositionsmethode zur Behandlung der angeborenen Vertauschung der vom Herzen abgehenden Gefässe. Die Herz-Lungen-Maschine, der Herzschrittmacher sowie Sennings Operationsmethoden blieben in Zürich nicht unbemerkt. 1961 wurde der Schwede an das Universitätsspital Zürich (damals Kantonsspital) berufen, wo er die Direktion der neu geschaffenen Chirurgischen Klinik A übernahm.

Bei seiner Ankunft lag die Sterblichkeit der an der Herz-Lungen-Maschine operierten Patienten bei über 50 Prozent. 20 Jahre später lag sie unter 1 Prozent. Senning baute am damaligen Kantonsspital Zürich die erste Intensivpflegestation auf dem zentraleuropäischen Kontinent auf.

Davor gab es Intensivstationen lediglich in Stockholm, Göteborg, Kopenhagen und London. Zudem nahm Senning 1967 den weltweit ersten Eingriff an einer Koronararterie vor – eine Vorgängeroperation der heutigen Bypass-Operationen.

Erste Herztransplantationen in der Schweiz

Der Ausnahmechirurg trug in Zürich auch richtungsweisend zum Aufbau der Herz-, Gefäss- und Thoraxchirurgie bei und initiierte die inländische Transplantationschirurgie, wobei er 1969 die ersten zwei Herztransplantationen in der Schweiz durchführte.

Zwei Jahre zuvor, am 3. Dezember 1967, war dem südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard die weltweit erste «erfolgreiche» Verpflanzung eines menschlichen Herzens gelungen. Barnards Patient starb jedoch nur 18 Tage nach dem Eingriff an einem Lungenkollaps.

Nach der Weltpremiere wurde die Herzverpflanzung zum Hype: «Jeder Herzchirurg, der etwas auf sich gab, begann Herzen zu transplantieren», erzählt Johan Senning. Der Erfolg war mässig: Die Mehrheit der Patienten überlebte aufgrund von Abstossungsreaktionen nicht länger als drei Monate.

Chirurgischer Pionier und Förderer

Obwohl Senning ein manuell sehr geschickter Chirurg war, der ausgezeichnet nähen konnte, wie sein Sohn sagt, liess es sich nicht verhindern, dass auch seine ersten Herztransplantations-Patienten wenige Wochen nach der Operation an akuter Abstossung starben.

Anfang der 1980er-Jahre kamen neue Medikamente zur Unterdrückung der Körperabwehr auf den Markt, die die Überlebenszeit von Patienten deutlich ansteigen liessen. Während die Operationstechnik sich seit den Anfängen nur unwesentlich verändert hat, wird die Herzverpflanzung heute als Routineeingriff gesehen. Nur wenige Jahre vor seiner Pensionierung gelang Senning ein weiterer wichtiger Beitrag zur Herzmedizin: Er hielt dem jungen Pionier Andreas Grüntzig den Rücken frei.

Denn ohne Unterstützung seines Förderers Senning wäre es Grüntzig nie gelungen, die Ballondilatation von Herzarterien mittels Katheter durchzuführen. Åke Sennings Pioniertaten liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

In der Herzchirurgie hat sich seither viel getan. Sennings Errungenschaften hallen aber bis in die Gegenwart nach und haben bis heute Millionen von Menschen mit schweren Herzproblemen das Überleben garantiert.

Åke Senning als Vorbild


Prof. Dr. Marko Turina (rechts) war von 1985 bis 2004 Direktor der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich.

Marko Turina erinnert sich an sein Vorbild Åke Senning.

Dass er Herzchirurg geworden sei, verdanke er in erster Linie Åke Senning, dem damaligen Chef der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich, blickt Marko Turina zurück. Er bewarb sich bei ihm und begann am 2. Januar 1964 seine Arbeit als Assistenzarzt. «Ich habe von Senning nicht nur das Operieren und das ganze Gebiet der Chirurgie gelernt, sondern auch die Art der Patientenbetreuung und Menschenführung. Unter seiner Leitung ist eine ganze Generation hervorragender schweizerischer Chefchirurgen herangewachsen.»