Gängige Tropenkrankheiten wie die Malaria erregen in den Medien kaum mehr Aufmerksamkeit. Was, Herr Tanner, sagen Sie dazu?

Das ist richtig. Malaria ist noch weitgehend endemisch in weiten Teilen der Welt, fällt also kaum durch Epidemien auf – im Gegensatz etwa zu Ebola, SARS und der Vogelgrippe.

Das sind Epidemien, welche die Aufmerksamkeit erregen und zu grossen humanitären Aktionen führen. Dies, obwohl Malaria nach wie vor mehr Todes- und Krankheitsfälle verursacht als Ebola, SARS und Vogelgrippe.

Sie gehen davon aus, dass die Malaria irgendwann besiegt sein wird. Worauf gründet Ihre Zuversicht?

Sicher wird Malaria einmal ausgerottet sein. Zuversichtlich stimmt, dass in vielen Teilen der Welt die Malariaübertragung massiv gesenkt werden konnte.

Setzen wir unsere bestehenden Möglichkeiten der Bekämpfung in Prävention und Behandlung und angepasst an die jeweilige Situation konsequent ein, dann geht der enorm positive Trend der Reduktion von Malaria und der Unterbrechung der Übertragung, wie wir ihn über die letzten 15 Jahre erlebt haben, bestimmt weiter.

Zudem gibt es verstärkte Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen für neue Medikamente und Impfstoffe und wir haben nun seit 2015 die Global Technical Strategy, die uns von der Bekämpfung über die Elimination hoffentlich einmal zur Ausrottung führen wird.

Sie engagieren sich seit Jahren für den Kampf gegen die Malaria. Was motiviert Sie dazu?

Als Wissenschaftler ist es der komplexe, virtuose, schlicht grossartige Lebenszyklus von Malaria, der mich motiviert, Wege zur Unterbrechung des Zyklus zu finden.

Als Public-Health-Spezialist spielt die enorme Last eine zentrale Rolle, die Malaria für weite Teile der Welt bedeutet. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir die Malariabekämpfung als Priorität sehen.

Alle zwei Minuten stirbt ein Kind an Malaria. Die durch Stechmücken ausgelöste Infektion gefährdet vor allem die Kleinsten: In vielen Ländern ist Malaria eine Hauptursache für die immense Kindersterblichkeit. Wie können gerade Kinder wirkungsvoll geschützt werden?

Zurzeit durch den konsequenten Gebrauch der insektizidbehandelten Mückennetze und bei Krankheitsfall und Fieber durch die rasche Diagnose und Behandlung. In Zukunft wird zusätzlich eine Impfung dazukommen.


©SWISSTPH

Ein bestimmter Impfstoff gegen Malaria weckte in den letzten Jahren viel Hoffnung. Eine Langzeitstudie kam dabei zum Schluss, dass der Impfstoff Kinder schützen kann. Weshalb sterben trotzdem nach wie vor viele Kinder an Malaria?

Weil der erste Malaria-Impfstoff (RTS,S) erst in diesem Jahr registriert wird. Aber zurzeit laufen schon die Pilotumsetzungen in Kenia, Malawi und Ghana bei Hunderttausenden Kleinkindern. Dieser Impfstoff kommt jetzt zur Anwendung und weitere verbesserte Impfstoffe werden sicher bald folgen.

Weshalb sind Impfungen so wichtig?

Impfungen bieten einen Langzeitschutz. Ist ein grosser Teil der Bevölkerung geimpft, entsteht eine «Herdenimmunität»: die Geimpften schützen auch die nicht Geimpften. Impfungen sind gewöhnlich einfach zu applizieren.

Ein bis drei Injektionen sorgen für einen langen Schutz. Gerade die Säuglingsimpfungen haben zudem wenige Nebenwirkungen. Impfungen kombiniert mit den anderen Massnahmen bieten so einen umfassenden Schutz.

Wie präsentiert sich derzeit die Situation in Afrika?

Afrika ist noch immer der von Malaria am meisten betroffene Kontinent. 90 Prozent der weltweiten Gesamtlast an Malaria, Sterblichkeit und Krankheit, entfallen auf Afrika südlich der Sahara.

Spenden sind im Kampf gegen die Malaria ein wichtiges Instrument. Sie kommen von Privatpersonen, aber auch von Unternehmen. Wie werden heute die meisten Spenden generiert?

Ein Grossteil der Gelder zur Umsetzung der Global Technical Strategy zur Malariaeliminierung stammt von grossen multilateralen Organisationen und bilateralen Programmen. Aber auch betroffene Länder wie zum Beispiel Ghana, Südafrika oder Brasilien investieren in die Malariabekämpfung.

Hinzu kommen grosse Stiftungen wie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Kleinere Spenden und Nichtregierungsorganisationen helfen enorm in umfassenden Gesundheitsprojekten in ausgewählten Regionen.

Marcel Tanner war bis 2015 Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH).