«Wenn wir akut süchtigen Menschen Jobs anbieten, bekommen diese eine Riesenchance. Aufgrund des Suchtverlangens werden sie aber mit grosser Wahrscheinlichkeit früher oder später rückfällig und verlieren ohne eine umfassende Begleitung den Job wieder», sagt Fachpsychologe Stephan Germundson, der in der stationären Suchtarbeit tätig ist. Wenn nur an der Sucht gearbeitet werde, dann gelinge die anschliessende Arbeitsintegration erfahrungsgemäss schlecht. «Deshalb müssen wir weg von linearen Modellen hin zu einer Arbeit auf mehreren Ebenen zugleich.»

Psychisch und physisch gestärkt

Nebst dem täglichen Arbeitstraining in der internen Werkstatt braucht es ein Jobcoaching. Dieses umfasst schon von einer frühen Therapiephase an die Vermittlung von Einsichten für eine Berufslaufbahn und Berufsperspektive generell. Es geht unter anderem darum, ein geeignetes und realistisches Berufsfeld zu finden, einen Lebenslauf zu formulieren oder fehlende Zeugnisse einzuholen. Ebenso müssen das Schreiben von Bewerbungen und die Teilnahme an Bewerbungsgesprächen geübt werden. Zudem werden Kompetenzen bei der Arbeitssuche etwa auf Online-Portalen vermittelt. «Später werden Einsätze in Betrieben ausserhalb der stationären Einrichtung organisiert. Dies wenn immer möglich im ersten Arbeitsmarkt», erläutert Germundson. In der Dimension Gesundheit gehe es im körperlichen Bereich um die Behandlung von Krankheiten und Verletzungen sowie den Aufbau von Fitness und im psychischen Bereich um Stabilisierung und Entwicklung durch Gespräche, Medikamente und Informationsvermittlung für das Leben ausserhalb einer stationären Einrichtung.

Erfahrungen sammeln

Ziel ist immer eine der Leistung entsprechende bezahlte Arbeit, die Anstellung im ersten Arbeitsmarkt sowie die Nachhaltigkeit, das heisst eine lange Anstellungsdauer. Über Volontariate, Schnuppereinsätze, Praktika und temporäre Arbeitseinsätze sollen Erfahrungen in der Arbeitswelt vermittelt werden. «Zu diesem Zweck müssen wir ein Netzwerk von externen Betrieben aufbauen mit dem Ziel, Personen passgenau und zeitnah Einsatzmöglichkeiten anbieten zu können», betont Stephan Germundson. In der weiterführenden Zusammenarbeit wird zwischen Betrieb und Job-Coach die Arbeitsaufgabe spezifisch angepasst. Dafür müssen Job-Coaches auch die Funktionsweise des Unternehmens sehr gut kennen. Die grössten Hürden liegen erfahrungsgemäss beim innerbetrieblichen Produktivitätsdruck. Die eingesetzten Personen können mit den Vorgaben überfordert sein. Bei diesen selbst liegen die Schwierigkeiten oft in der Zuverlässigkeit und in der vielfach eingeschränkten Belastbarkeit.

Für den Betrieb attraktiv werden

Im Bereich Bildungsmassnahmen geht es in erster Linie um die Sprachförderung, Computerkenntnisse und den Umgang mit neuen Medien, berufsspezifische Kurse und Trainings. Finanziert werden sollten diese Massnahmen durch die öffentliche Hand (ALV, IV, Sozialhilfe der Gemeinden). Wenn diese Mittel nicht ausreichen, wird auf private Quellen ausgewichen. «Es braucht den politischen Willen, randständige Menschen zu integrieren. Daran fehlt es aber zurzeit», sagt Germundson. Wäre die Integration oberstes Ziel, so würde die Politik massiv in Anreizsysteme für die Wirtschaft investieren, damit Integration für alle Betriebe attraktiv wird.