Sie sind der erste Nationalrat mit einer schweren Körperbehinderung. Nun mussten Sie einmal mehr dafür einstehen, dass die Renten von schwerbehinderten Menschen nicht gekürzt werden. Zermürbt Sie dieser Kampf?
überhaupt nicht. Es ist gerade in dieser Phase der Debatte sehr wichtig gewesen, dass jemand sich mit dem notwendigen Fach-und Alltagswissen zu diesem Thema äussern konnte. Den Nationalrat gleich dreimal von den wichtigen Argumenten überzeugen zu können, hat mir für künftige Aufgaben zusätzliche Motivation gegeben.
 

 

Sie wurden als letztes von neun Schweizer Contergankindern geboren. Trotzdem, sagen Sie, Sie sind glücklich. Wie darf ich das als nicht behinderter Mensch verstehen?
In der Politik, aber auch im sonstigen breiten Tätigkeitsfeld vom Sport bis zu Gesundheitsfragen für Werte und Prinzipien einzustehen, das bringt Erfüllung und macht auch glücklich. Meine Lebenssituation bringt natürlich immer wieder starke Herausforderungen, sie bietet mir aber vor allem die Chance, meinen Weg sehr bewusst zu gehen.
 

 

Sie verdienen sich Ihren Lebensunterhalt selber und politisieren seit Ende 2011 im Nationalrat. Was treibt Sie an?
Die eigene Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig. Ich bin mir aber bewusst, dass sie nur deshalb möglich ist, weil die Rahmenbedingungen in meinem Leben dank meiner Familie und vielen Menschen, die mich in verschiedenen Projekten unterstützt haben, stimmen. Ich denke, dass ich mit meinem Engagement jetzt auch in der nationalen Politik einiges zurückgeben kann, was ich an Positivem erfahren habe. Menschen mit einer Behinderung Mut zu machen, sie würdig in Bundesbern zu vertreten, das empfinde ich als eine täglich spürbare Triebfeder.
 

 

Ihr Widerstand gegen Kürzungen der IV für Schwerbehinderte hat Ihnen neben Respekt auch Kritik aus den eigenen Reihen eingetragen. Ihre Parteikollegin Ruth Humbel etwa warf Ihnen vor, bei der IV-Debatte jegliche Sachlichkeit ausser Acht gelassen zu haben. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Gegensätzliche Meinungen muss man in der Politik akzeptieren. Diese unüberhörbaren Seitenhiebe haben mich nicht persönlich getroffen. Ich setze mich aus überzeugung und nicht etwa aus eigener Betroffenheit für eine Sache ein. Die Reaktionen führe ich auch darauf zurück, dass man überrascht war, wie hier ein Newcomer mit verständlichen Argumenten den unwürdigen Sparkurs bei Schwerbehinderten hat stoppen können.
 

 

Die IV-Revision 6b wurde mit dem Argument versenkt, sie bringe den Behinderten keinen Gewinn.
Die Abschreibung der Revision erachte ich persönlich als politisch nicht sehr klug, sondern vielmehr als ein Spiel mit dem Feuer. Gezielte Verbesserungen wurden im parteipolitischen Hickhack auf dem Rücken der Menschen mit einer Behinderung vorerst verhindert.
 

 

Sie befürchten Sparmassnahmen auf Kosten behinderter Menschen, die Sie mit Ihren Anträgen abfedern konnten?
Ja. Mein Engagement war deshalb wichtig, weil man bei dieser Vorlage anfänglich nicht realisiert hat, wie sehr die ursprünglich angestrebten Rentenkürzungen nicht nur von finanzpolitischer, sondern auch von sozialpolitischer Bedeutung gewesen wären.
 

«Die eigene Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig.»
 

Gescheitert ist die Revision vor allem an der Schuldenbremse. Mehreinnahmen für die IV oder Sparmassnahmen: Wie stehen Sie selber zur Schuldenbremse?
Für mich ist es klar, dass wir nachhaltige Lösungen brauchen, um die Zukunft dieses wichtigen Sozialwerks sicherzustellen. Die finanzielle Schieflage der IV hat mit Strukturproblemen, aber auch mit politischen Fehlentwicklungen zu tun. Jetzt ist es angezeigt, mit entsprechenden Mechanismen einer erneuten Fahrt in die tiefroten Zahlen vorzubeugen. Dabei kommen für mich aber nur Modelle in Frage, die eine fair ausgestaltete Opfersymmetrie beinhalten.
 

 

Stichwort Politik und Behinderung: Inwiefern ist Inklusion für Sie ein Thema?
Die Inklusion ist für mich die anzustrebende Gesellschaftsform, in der alle Menschen als gleichwertig betrachtet und behandelt werden. Auf die besonderen Bedürfnisse von Mitmenschen mit einer Behinderung einzugehen, wird dann zur Normalität. Um weiterzukommen, braucht es in der Schweiz aber erst einmal eine kohärente Behindertenpolitik. Eine solche Gesamtschau ist ein politisches Ziel von mir.
 

AKTUELL

 

 

Am 23. Oktober 2013 im Technopark Zürich setzt sich Nationalrat Christian Lohr für unabhängige Mobilität aller ein. Als Podiumsteilnehmer diskutiert er mit Experten aus den Bereichen öffentlicher Verkehr, Zukunftsforschung, gesellschaftliche Entwicklung, Technik und Innovation, Raumplanung sowie Behindertenfahrdienste zum Thema «Alters- und behindertengerechte Mobilität in der Schweiz in 30 Jahren». (Mehr dazu auf Seite 9 sowie unter www.tixi.ch)


 

Christian Lanz
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