Vom Wunsch, etwas zu bewirken
Trotzdem haben wohl die meisten Menschen eines gemeinsam: Den Wunsch nach Sicherheit und Wärme, die ihnen nahestehende Menschen vermitteln, nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, Mitbestimmung und Mitverantwortung, nach Selbstwirksamkeit und Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsprozess. Menschen schätzen ihre Lebensqualität meistens dann hoch ein, wenn sie geliebt und geschätzt werden, wenn sie sich als Teil eines Netzwerkes und der Gesellschaft fühlen, wenn sie arbeiten, etwas erschaffen und etwas bewirken können. Und wenn sie in ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden und selber über ihr Leben entscheiden können.

Selbstbestimmt und sinnerfüllt
Haben auch Menschen mit Behinderung diese Möglichkeiten? Und wie sieht es bei jenen Menschen aus, die in einer Institution leben? Wie steht es um ihre Lebensqualität? Grundsätzlich kann niemandem die Verantwortung für die Qualität seines Lebens vollständig abgenommen werden. Doch gerade die Behinderteninstitutionen stehen täglich in der Verantwortung, gute Voraussetzungen für eine hohe Lebensqualität zu schaffen.

Gelebte Autonomie, Teilhabe und Inklusion (also das natürliche Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster Menschen) sind für die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung unerlässlich. Dies ist nicht nur meine persönliche Haltung und die Meinung von INSOS Schweiz, dem nationalen Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung, sowie seiner Mitgliedsinstitutionen. Autonomie, Teilhabe und Inklusion sind auch die Leitmotive der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, für deren Ratifizierung sich der Nationalrat in der letzten Session ausgesprochen hat. Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, ihr Leben selbstbestimmt und sinnerfüllt zu gestalten und die dafür erforderliche Betreuung und Begleitung zu erhalten. So steht es auch in der «Charta Lebensqualität für Menschen mit Behinderung in sozialen Einrichtungen», welche INSOS Schweiz dieses Jahr verabschiedet hat.

Von der Fürsorge zur Teilhabe
Längst haben viele Institutionen den Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur Teilhabe gedanklich vollzogen. Trotzdem stellen die Paradigmen Autonomie, Teilhabe und Inklusion die Institutionen im konkreten Alltag immer wieder vor Herausforderungen. Sie haben sich ihnen Tag für Tag neu zu stellen und das Möglichste zu unternehmen, damit Menschen mit Behinderung selbstbestimmt und ohne Bevormundung leben und arbeiten können. Dass dies immer wieder – Schritt für Schritt – gelingt, beweisen in der Schweiz verschiedenste Institutionen. So hat beispielsweise eine Institution das klassische Wohnheim abgeschafft: Hier leben die Männer und Frauen mit Behinderung mitten im Dorf, gehen alleine in die Beiz und nehmen am Vereinsleben teil. In einer anderen Institution wiederum arbeiten die Menschen nicht in der Behindertenwerkstätte, sondern als Teammitglieder in der freien Wirtschaft.

Auf dem richtigen Weg
Lebensqualität ist dort möglich, wo Menschen mit Behinderung selbstbestimmt über ihr eigenes Leben entscheiden und an der Gesellschaft teilhaben können. Dafür braucht es Institutionen, welche die richtig dosierte Unterstützung und Begleitung bieten, Kantone, die dafür ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stellen, Mitarbeitende, die den Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe begegnen, und eine Gesellschaft, die nicht ausschliesst, sondern Vielfalt als Normalität und Bereicherung schätzt. Die Institutionen haben sich bereits auf den Weg gemacht, viele haben schon –zig Wegmeilen erfolgreich zurückgelegt. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention signalisiert die Schweiz, dass auch sie auf dem Weg in eine Zukunft ist, in der Menschen mit Behinderung gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft sind und nicht mehr ausserhalb stehen, sondern mittendrin.

Gisela Blau
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