Olga Manfredi, Joe A. Manser, in der Schweiz leben 10 Prozent der Menschen mit einer Behinderung. Wer zählt dazu, wer nicht?
Joe A. Manser: Gemäss dem Behindertengleichstellungsgesetz BehiG gilt als behindert, wer lange oder für immer in seiner Bewältigung des Alltags durch geistige, pychische oder körperliche Behinderung beeinträchtigt ist. Das ist eine simple Definition, und das ist gut so. Unsere Aufgabe ist es, für diesen Zehntel der Bevölkerung eine Gleichstellung zu den restlichen 90 Prozent zu erreichen.

Was bedeutet Gleichstellung in diesem Kontext genau?
Manfredi: Wir erheben nicht den Anspruch, als Rollstuhlfahrende ein Bergsteigerpatent machen zu können. Das ist einfach nicht möglich. Aber wir wollen im Rahmen des Möglichen Tun und Lassen, was wir ohne Behinderung im Alltag auch machen würden. Wir wollen problemlos in den Supermarkt, in die Beiz oder aufs Steueramt gehen können.
Manser: Ich würde lieber noch in die Beiz als auf das Steueramt gehen ­können...
Manfredi: Das sehe ich auch so. Arbeiten wird immer behindertenfreundlicher, bei Freizeitaktivitäten bestehen oft unüberwindbare Hindernisse. Pflichten ja, Spass nein.

Sie sprechen vor allem von Hindernissen, die im Umfeld von ­Menschen mit Behinderung ­bestehen. Gibt es denn nur die?
Manfredi: Nein, daneben bestehen in der Bevölkerung noch immer Vorurteile und Ängste vor einer eigenen Betroffenheit. Personen mit Behinderung seien schwach, arm, ausgegrenzt. Auf der Schattenseite des Lebens.
Manser: Dieses Unwissen ist fatal. «Behindert sein? Da geb ich mir lieber gleich die Kugel.» Dabei könnten wir fast gleich wie Nicht-Behinderte leben, lägen nicht so viele Hindernisse im Weg.

Zur Politik: In der Verfassung ist ein Diskriminierungsverbot festgeschrieben. Seit 2004 wird dieses im Behindertengleichstellungs­gesetz konkretisiert. Was hat sich seither verändert?
Manser: Die grössten Veränderungen sehe ich in den Bereichen Öffentlicher Verkehr und Bauen, da hat ein Umdenken eingesetzt. Im ÖV verkehren seither immer mehr behindertenfreundliche Fahrzeuge. Und auf dem Bau  sind die Unterschiede in der Umsetzung von Kanton zu Kanton zwar noch gross. Seit 2004 können wir nun jedoch Einsprache erheben, wenn der Bauherr nicht spuren will. Wir haben jetzt gesamtschweizerisch die rechtliche Grundlage dafür.
Manfredi: Auch im Bildungsbereich sehe ich Fortschritte. Generell meine ich, dass die Gleichstellungsdiskussion um Menschen mit Behinderung in der öffentlichen Diskussion angelangt ist. Die Umsetzung einzelner Aspekte hängt jedoch stark von Einzelpersonen ab. Das ist überall so, in der Politik, auf dem Bauamt oder  in den Medien.
Werfen wir einen Blick ins

Vorreiterland für soziale ­Bewegungen: In den USA ­drängten Menschen mit Behinderung schon vor Jahrzehnten ins soziale ­Bewusstsein. Wieso brauchte die Schweiz so lange?
Manser: Zum einen begann sich in den USA anlässlich des UNO-Jahres der Menschen mit Behinderung 1981 in den USA eine Bewegung zu formieren. Die 68-er beeinflussten alle Lebensbereiche. Die Forderung nach «independent living» von Studierenden mit Behinderung war nur eine logische Konsequenz. Weiter verdankt das Movement seinen Erfolg jedoch auch den Vietnam-Veteranen, von denen viele mit Behinderung lebten. Sie waren politisch rechts und machten das Thema unter dem Motto Freiheit auch für die Republikaner attraktiv. Bush unterzeichnete den «Americans with Disabilities Act» dann 1990.
Manfredi: Bald darauf kam die Bewegung weltweit auf politischer Ebene ins Rollen. In der Schweiz wurde 1995 der erste Vorstoss eingereicht. Damit liegen wir international im Mittelmass.

In den Vereinigten Staaten ­setzten sich auch die Republicans für Gleichstellung ein. Wie en­gagiert ist die Schweizer Rechte in der Behindertengleichstellung?
Manser: Grundsätzlich bringen die Bürgerlichen hier oft ihre Standardargumente. Zu viel Bürokratie, zu hohe Kosten. Der Links-rechts-Unterschied besteht. Allerdings engagieren sich auch einge Personen aus der SVP für unsere Anliegen und umgekehrt schalten immer wieder SP-Köpfe auf stur.
Manfredi: Nehmen Sie als Beispiel die erhöhten Haltestellen für Tram und Bus in Zürich. Dank denen können wir Rollstuhlfahrende ohne Niveauunterschied ins Fahrzeug rollen. Die höheren Bordsteine sind für die Velofahrenden ein Dorn im Auge, da werden wir auch vom rot-grünen Lager mit Kritik nicht verschont.
Manser: Dabei stehen die Massnahmen im ÖV paradigmatisch für den Benefit, den auch der Rest der Gesellschaft aus unserem Engagement zieht: Die Fahrgäste steigen schneller ein und aus. Dadurch wurden die Haltezeiten kürzer, der Betrieb effizienter. Die VBZ mussten in der Folge weniger Rollmaterial kaufen, um dasselbe zu leisten.