Ich stehe in der Garderobe des Kinderspitals in Bern und schaue in den Spiegel. Meine Augen leuchten – ich sehe richtig zufrieden aus. Ich fahre mit dem Abschminktuch über meine roten Wangen, löse den Knoten von meinem farbigen Haarband und ziehe die Clownnase vorsichtig von meiner eigenen. Das war ein schöner Nachmittag.

Ich habe viele Kinder gesehen und besucht. Das jüngste war erst wenige Stunden alt und 4 Monate zu früh auf die Welt gekommen. Ich habe mit Seifenblasen ein paar schöne Träume über seinen Brutkasten schweben lassen. Und damit auch seine Eltern etwas von meinem Besuch mitbekommen, liess ich eine Autogrammkarte mit einem persönlichen Gruss zurück.

«Nie strahlen meine eigenen Augen so wie am Ende eines Nachmittags als Spitalclown.»


Ich war heute nicht alleine unterwegs. Wir besuchen an einem Nachmittag der Woche in 2er-Teams alle Abteilungen des Kinderspitals. Wir schauen immer erst ins Stationszimmer rein und erhalten dort die für uns wichtigen Informationen: Namen, Alter und Verfassung der Kinder, ob sie isoliert sind oder wenn es andere Umstände gibt, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Dies gilt besonders bei den Patienten auf der Krebsstation oder bei Kindern mit psychosomatischen Problemen.


Jedes Kind hat die Freiheit, Nein zu sagen


Jedes Kind erhält seinen individuellen Besuch. So entstehen Geschichten, die von den jungen Patienten dirigiert werden und in denen auch die Eltern, Geschwister und manchmal sogar das Pflegepersonal eine Rolle spielen dürfen. Selbstverständlich «stürzen» wir uns nicht einfach auf die pflegebedürftigen Kinder. Oft möchten sie auch einfach nur zuschauen und für einmal nicht die Hauptrolle übernehmen.

Natürlich gelingt es nicht immer, eine positive Beziehung zu den Patienten aufzubauen. Es gibt Kinder, die nichts von den Spitalclowns wissen wollen. Jedes Kind hat die Freiheit, Nein zu uns zu sagen. Es kommt auch vor, dass Eltern unseren Besuch nicht wünschen. In den meisten Fällen freuen sie sich aber, dass wir kommen. Und oft sind sie es, die unseren Besuch nötig haben und aufgeheitert werden müssen.

Ein Junge reagierte heute überhaupt nicht auf mich. Nicht auf meinen Tomatentrick, nicht aufs Quietschen meiner Nase. Nix. Als ich gehen wollte und er dachte, ich würde es nicht sehen, streckte er mir schnell die Zunge raus. Ich machte sofort das gleiche, schwupps. Er konnte sich das Lachen kaum verkneifen...


Das Rezept der Spitalclowns: Improvisieren von A bis Z


Als Spitalclowns haben wir grosse Lust am Improvisieren. Wir passen unser Spiel dem Alter und dem physischen oder psychischen Zustand des Kindes an. So kann das Spital auch mal zum luxuriösen Wellnesshotel, zum Castingstudio oder zum Schauplatz für einen James Bond-Film werden. Heute flog ich mit einem Mädchen und seinem Papa nach Calabrese. Da kommen die beiden nämlich her. Das Bettflugzeug haben wir mit meinem Spielketchup getankt, den Ballonpropeller gestartet, den Steuerknüppel angezogen und los gings. Isabella* steuerte ihr Flugzeug so wild, dass ich auf meinem Sitz neben ihr rumgeworfen und mir ganz schwindlig wurde. Das fand sie lustig. Und zum Schluss gabs noch eine wunderbare Bruchlandung zurück ins Zimmer.
Was mich an meiner Arbeit besonders reizt: Die riesengrosse künstlerische Freiheit, das Zusammenspiel mit den anderen Spitalclowns, der Kontakt zu Kindern, Eltern und Pflegenden, die Herausforderung von schwierigen Situationen, das Glück, wenn in ganz kurzer Zeit Beziehungen zu den Kindern entstehen, die Wunder, die immer weder passieren, das Lachen, die Unmittelbarkeit der Arbeit, d.h. ich arbeite sehr direkt und kann eine Veränderung der Situation meist sofort erkennen.


Spitalclowns sind keine Therapeuten


An Sinn und Wichtigkeit meiner Tätigkeit habe ich bis heute keine Sekunde gezweifelt. Natürlich gibt es da auch schwere Momente. Geschichten, die einen nicht so schnell wieder loslassen. Gefühle wie Machtlosigkeit und Trauer haben genauso ihren Platz wie Übermut und Lebensfreude.
Wir Clowns treffen uns in regelmässigen Abständen mit einem Psychologen. Dort werden Fälle besprochen, die uns stark beschäftigen. Wir sind weder Ärzte noch Therapeuten und erwarten von den Kindern auch keine Gegenleistung. Und doch erhalte ich bei meinen Besuchen im Spital ganz viel zurück. Nie strahlen meine eigenen Augen so wie am Ende eines Nachmittags als Spitalclown. Über Sinn und Zweck meiner Arbeit muss ich mir sicher keine Fragen stellen. Und die Schattenseiten? Einzig der schwere Koffer, den ich beim Heimkommen den Berg raufziehen muss.

Nach einem Einsatz bin ich körperlich müde, geistig aber erfrischt. Alles um mich herum dünkt mich dann schön. Erholen tue ich mich von meiner Arbeit, indem ich mich darüber freue, ein gesundes Kind zu haben, mit meiner Familie etwas Gutes esse, mein Kostüm auspacke und in die Waschmaschine lege. Und dann nicht zu spät ins weiche Bett falle.

*Name von der Redaktion geändert