Michael Harr, die ­Stiftung ­Cerebral gibt es seit ­beachtlichen 50 Jahren. Wie hat sich ihre Arbeit seither ­verändert?
Ärzte und weitere Persönlichkeiten erkannten die Bedeutung der Früherkennung und rasch einsetzender Therapie­massnahmen bei cerebralen Bewegungsbehinderungen oder Wahrnehmungsbeeinträchtigungen, die durch eine Schädigung des Gehirns während der Schwangerschaft oder der Geburt entstehen und die Eltern vor vollendete Tatsachen stellen. Sie gründeten 1961 mit einem Kapital von 5000 Franken die Stiftung. Seither ist viel geschehen. Nicht zuletzt ist es uns gelungen, die Menschen für die Bedürfnisse cerebral Behinderter zu sensibilisieren. Wir werden von der Bevölkerung unterstützt, weil sie unserer Arbeit vertraut. Aber auch wir spüren die Finanzkrise: Unternehmen geben weniger und vorsichtiger Geld aus. So kämpfen wir um jeden Spendenfranken. Unser Kosten und unser Stab sind sehr klein, zehn Personen teilen sich 8,2 Vollzeitstellen. Wir arbeiten weniger mit Freiwilligen als mit Partnern für unsere Projekte.

In welchen Bereichen ist Ihre Stiftung tätig?
Die Palette ist breit. Ausser einer angemessenen Pflege mit den richtigen Betten und anderen Hilfsmitteln legen wir grossen Wert auf Beschäftigung und Kultur, Mobilität und Freizeitaktivitäten. Vor allem aber liegt uns daran, die Angehörigen zu entlasten und ihnen das Leben zu erleichtern. Wir unterstützen 8700 Familien. Alle Behinderten müssen ihren Platz in der Gesellschaft immer wieder neu erobern und behaupten. Viele Familien stehen vor grossen finanziellen Problemen.  Die wirtschaftliche Lage  der Sozialversicherungen treffen die oft mehrfach und schwerstbehinderten Menschen und ihre Angehörigen besonders hart. ­Unsere Hilfe beginnt dort, wo jene der öffentlichen Hand aufhört; wir ermöglichen ergänzend zum Staat Dienstleistungen, die es sonst nicht gäbe.

Gibt es nach 50 Jahren ­positive Entwicklungen?
Dank medizinischen und therapeutischen Fortschritten ist das Leben für behinderte Menschen und ihre Familien in einzelnen Lebensbereichen einfacher geworden. Spitäler und Universitäten leisten unschätzbare Arbeit, beispielsweise in der Hipotherapie mit Geräten oder mit Lauftraining. Es wurde nachgewiesen, dass Physiotherapie am Stück besser wirkt als nur alle drei Wochen. Es gibt Studien von Bewegungsmustern und Spieltherapien zur Anregung der Hirnfunktionen. Wir bauten viele Brücken zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen. Cerebral bewegungsbehinderte Menschen sind auch deswegen heute besser akzeptiert, und ihre Probleme werden anerkannt und ernst genommen. Der Beratungsdienst wird rege genutzt. Mit unserer Unterstützung entstanden betreute Wohnheime und geschützte Arbeitsplätze.

Sie lancierten zahlreiche ­Freizeitangebote.
Besonders am Herzen liegt uns unser neues Projekt von Campingferien für Familien. Wir wollen es beibehalten und ausbauen, auch mit der Hilfe von Partnern. Das rollstuhlgängige Herrichten eines Campingplatzes kostet allein 40 000 Franken. Diese unkomplizierte Möglichkeit, ein paar Ferientage zu verbringen, entspricht den Bedürfnissen und Wünschen der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Welche Herausforderungen bringt die Zukunft?
Der Spardruck der Behörden wird anhalten oder sogar zunehmen. Trotz medizinischer und gesellschaftlicher Fortschritte werden auch in Zukunft betroffene Familien auf unsere Hilfe angewiesen sein und wir brauchen mehr denn je die finanzielle Unterstützung unserer Gönner. Denn wir wollen für die Betroffenen und ihre Angehörigen weiterhin eine verlässliche Stütze bleiben.