Wie definieren Sie die Aufgabe von Curaviva als Dachverband von Behinderten-Institutionen?
Wir unterscheiden zwischen Selbstbestimmung und Förderung. Zum Beispiel haben wir den Auftrag, Kinder mit Behinderungen zu fördern. Bei Erwachsenen steht die Gewährleistung der Selbstbestimmung im Vordergrund. Dies verlangen die UN-Kinderrechtskonvention und die Behindertenrechtskonvention. Die Schweiz ist leider nur halbwegs dabei, sie hat beide Konventionen unterschrieben, aber erst die Kinderrechtskonvention wurde 1997 ratifiziert. In der Sommersession wurde die Vorlage, auch die Behindertenrechtskonvention zu ratifizieren, vom Nationalrat mit gutem Resultat angenommen. Nun erhoffen wir das Gleiche vom Ständerat während der Herbstsession.

 

Sie vertreten mehr als 800 Heime für Erwachsene und Kinder mit Unterstützungsbedarf.
Geeignete Wohnmöglichkeiten sind sehr wichtig, auch die Betreuung eins zu eins und sinnvolle Beschäftigung. In der Personalausbildung vermitteln wir unsere Werte von Würde und Teilhabe. Ein Heim soll nicht hinter dem Wald stehen, abgekoppelt vom Rest der Gesellschaft. Behinderte Menschen sollen je nach ihren Möglichkeiten aktiv sein, das Freizeitangebot nutzen. Inklusion ist angesagt, für körperlich wie für geistig Handicapierte.

 

Genügen diese Institutionen?
Heute gehen wir davon aus, dass die aktuelle Anzahl Heimplätze genügt. Wir verzeichnen drei Schwerpunkte: Es gibt eine hohe Zunahme von Langzeit-Schwerkranken, geistig und mehrfach Behinderte werden immer älter und die Opfer schwerer Unfälle überleben häufiger und länger. Trotzdem gehen wir nicht davon aus, dass es mehr stationäre Heimplätze braucht. Viele private Organisationen fordern, dass mehr ambulante Angebote geschaffen werden und die private Pflege zu Hause besser unterstützt wird. Diese Forderungen stehen auch in der Behindertenrechtskonvention.

 

Wie geht ein Mensch mit seiner Behinderung um, vor allem, wenn sie nicht angeboren ist?
Das äussert sich individuell sehr unterschiedlich, und die Menschen entwickeln sich auch in dieser Hinsicht ständig. Um ihnen die notwendige Sensibilität entgegenzubringen, sind gut aus- und weitergebildete Fachpersonen in ausreichender Zahl nötig. Das gilt grundsätzlich für die Betreuung und Pflege aller Menschen mit Unterstützungsbedarf. Ein wichtiges Engagement von CURAVIVA Schweiz gilt der Entwicklung von praxisnahen Lehrgängen und Fachkursen, die nicht nur betriebsextern, sonden direkt an der Basis in den Institutionen durchführbar sind.

 

In Ihrem Leitbild ist oft von Würde die Rede.
Auf der obersten ethischen Ebene stehen die Fragen nach Gleichberechtigung und Lebensqualität. Alltag, Teilhabe und Erarbeitung von Praxisinstrumenten stellen die praktische Ebene dar. Ein mehrfach schwerstbehinderter Mensch kann vielleicht nicht sagen, ob er das Essen gut findet, aber trotzdem hat er individuelle Bedürfnisse für sein Wohlbefinden. Diese herauszufinden, braucht Fachinstrumente im Alltag. Die Lebenqualität für körperlich handicapierte Menschen müssen wir dagegen nicht definieren, das tun sie selber.

 

Wo stehen Sie auf Ihrem Weg?
Wir sind in der Schweiz auf gutem Weg. Manchmal baut uns der Föderalismus noch Barrieren, weil jeder Kanton eigene Konzepte hat. Wir wünschen uns landesweite Rechtsgrundlagen zur Lebensqualität von behinderten Menschen, damit diese vergleichbar und förderbar wird.

 

Gisela Blau
redaktion.ch@mediaplanet.com
 

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Nützliche Links:

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